I am not my Body

 

9. Juli – 4. September 2022

 

Kabinettausstellung in der Rotunde

I AM NOT MY BODY

Der Tod naht, die Zeit steht still, der Mensch verschwindet, Gegenstände werden lebendig

In unserer heutigen Selfie-Gesellschaft dreht sich alles um das Ego. Die Filmemacherin Vanesa Abajo Pérez erforscht, wie wir das Leben mit den Augen der uns umgebenden Realität erleben können, anstatt mit unseren eigenen. In ihren Filmen nutzt sie oft diesen besonderen Perspektivenwechsel: Sie zeigt Menschen nicht als typische Hauptfiguren in einer Hauptrolle. Abajo Pérez ist fasziniert von der poetischen Qualität der materiellen Welt, die den Menschen umgibt. Welche Beziehung entwickeln die Menschen zu den Objekten, die sie besitzen oder mit denen sie interagieren? Wie spiegelt sich die Präsenz des Menschen in der ihn umgebenden Welt wider und wie ist sie zu spüren?

In I AM NOT MY BODY stellt Abajo Pérez diesen Gedanken in den Kontext des nahenden Todes. Zu diesem Zweck sprach sie mit vielen kranken Menschen, die mit dem Tod konfrontiert wurden. Die Filmemacherin erforschte die sich verändernde Wahrnehmung, sowohl von sich selbst als auch vom Leben. Es ist eine nüchterne und nostalgische Reise an der Grenze zwischen dem Filmischen und dem Literarischen, bei der die Künstlerin versucht, das Menschliche festzuhalten. Die Texte im Film stammen von der flämischen Dichterin Maud Vanhauwaert.

Vanesa Abajo Pérez (1979) ist Filmemacherin und Multimedia-Künstlerin. Als ihre Tante unheilbar krank wurde, drehte sie ihren ersten Kurzdokumentarfilm LA CASA DE PIEDRA (2016), in dem sie ihre Tante mit den Augen des Raumes porträtierte, den diese Frau einst bewohnte. Von diesem Moment an widmete sich Vanesa ganz dem künstlerischen Dokumentarfilmschaffen. Ihr erster Langfilm LIFE IS DREAM wurde 2020 uraufgeführt. Im Jahr 2021 wurde ihre Einzelausstellung I AM NOT MY BODY im niederländischen Museum Tot Zover eröffnet. Ein Teil dieser Arbeit ist hier zu sehen. Vanesa arbeitet derzeit an einem zweiten Teil dieses Projekts sowie an einem neuen langen Dokumentarfilm über die Insel La Palma.

Ursprung des Projekts

Abajo Pérez ist eine nostalgische Filmemacherin. Als bei ihrer Tante eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde, nahm sie die Stimme ihrer Tante auf, die ihr ein Gedicht über das Haus vorlas, in dem sie aufgewachsen war und in dem ihre Gegenwart weiterleben würde. Nach ihrem Tod filmte Abajo Pérez das Haus und kombinierte die Bilder der leeren Innenräume mit der lebendigen Stimme ihrer Tante. Das Ergebnis war der Film LA CASA DE PIEDRA (2016), der ihre weitere Arbeit inspirierte.

Mehrere Jahre lang hat Abajo Pérez recherchiert. Sie sprach mit vielen Menschen, die mit Krankheit und Tod konfrontiert waren, und erforschte deren veränderte Wahrnehmung von sich selbst und vom Leben. Einerseits fand sie heraus, wie relativ und subjektiv unser Zeitempfinden sein kann, wenn der Tod naht. Es ist, als ob die Zeit stehen bleibt oder völlig irrelevant wird. Andererseits und aufgrund dieses zeitlosen Zustands verschwimmt auch die Gegenwart eines Menschen, der bereits im Begriff ist zu verschwinden. Bis zu dem Punkt, dass ein Mensch kurz vor dem Sterben nicht mehr wirklich da ist, sich aber nach seinem Tod noch präsent fühlt. In diesem Sinne bezeichnet die Künstlerin den Tod als ein surrealistisches Ereignis.

I AM NOT MY BODY ist ein Projekt, das die Trennlinie zwischen Leben und Tod aus diesem surrealistischen und poetischen Blickwinkel erforscht. Es handelt sich um ein fortlaufendes, medienübergreifendes Projekt, von dem hier ein Teil gezeigt wird.

Der Film

Über ein Jahr lang hat Abajo Pérez das Leben einer unheilbar kranken Frau gefilmt. Eine Frau, die sich weigerte, sich mit dem Gedanken an ihren eigenen Tod abzufinden. Mein Körper ist nicht das Einzige, was zählt, dachte sie, meine Identität existiert auch jenseits der Grenzen des Körperlichen. Im Film argumentiert und kämpft eine poetische Stimme, die den Körper repräsentiert, mit der Sterblichkeit der Figur. Das Gedicht wird zwischen den Bildern eingefügt, die Abajo Pérez im Haus der Frau gefilmt hat. Visuell konzentriert sich Abajo Pérez nicht so sehr auf die Menschen, sondern erzählt die Geschichte der Frau mit den Augen der sie umgebenden Realität: ihre Wohnung, das Viertel, in dem sie lebte, usw. Die Erzählung ist in der Welt verankert, die zurückbleibt, wenn die Frau nicht mehr da ist.

Die Jahreszeiten

Als Menschen erleben wir unser eigenes Leben als eine Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. In unserer Gesellschaft sind auch die meisten Geschichten, die wir über den Tod kennen, linear.

Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die das Vergehen der Zeit grundsätzlich leugnet. Die Frau im Film ist davon überzeugt, dass sie vorerst nicht sterben wird. Die Benennung der Jahreszeiten im Film zeigt jedoch, wie die Zeit tatsächlich vergeht. Ein ganzes Jahr vergeht, und nach dem Tod der Figur geht das Leben weiter.

Nach dem Anschauen des Films werden die Besucher*innen der Ausstellung eingeladen, über das Vergehen der Zeit nachzudenken, indem sie in einer Installation ihre eigene zeitlose Gedichtsammlung zusammenstellen können. Sie können den Film in eine Buchform übersetzen.

Die Stühle

Nach ihrem Tod hinterlassen Menschen Spuren in ihrer Umgebung. Stühle sind in dieser Hinsicht einzigartig und sehr persönlich. Sie sind Gegenstände, auf denen Menschen saßen und mit denen sie über einen längeren Zeitraum in Kontakt waren. Es besteht eine persönliche Verbindung.

Für diese Ausstellung sammeln wir daher Stühle von verstorbenen Menschen, die uns von Kasseler Bürger*innen geliehen werden. Mit diesen Erinnerungsstücken werden wir einen kleinen Kinoraum für den Film gestalten. Zu jedem Stuhl gibt es eine Geschichte, die wir aufzeichnen und in der Ausstellung hörbar machen werden.

Fortsetzung und zweiter Teil

Während sich der Film auf den Prozess des Verschwindens des Menschen im umgebenden Raum konzentriert, arbeitet Abajo Pérez derzeit an einer Fortsetzung des Projekts: ein multimediales Gedichtbündel, das Menschen porträtiert, die den Raum, den sie hinterlassen haben, durchschritten haben. Dieser zweite Teil wird im Jahr 2023 das Licht der Welt erblicken.

Credits

Dieses Projekt wird von der Niederländischen Stiftung für Literatur, dem Amsterdamer Fonds für die Künste, dem Niederländischen Kulturmedienfonds und verschiedenen privaten Sponsor*innen ermöglicht.

I AM NOT MY BODY ist eine Produktion von Ten Zuiden van de Grens.

Wir suchen Stühle – und Geschichten!

Für diese Ausstellung sammeln wir daher Stühle von verstorbenen Menschen, die uns von Kasseler Bürger*innen geliehen werden. Mit diesen Erinnerungsstücken werden wir einen kleinen Kinoraum für den Film gestalten. Zu jedem Stuhl gibt es eine Geschichte, die wir aufzeichnen und in der Ausstellung hörbar machen werden.

Wenn Sie also einen solchen Stuhl besitzen, dazu etwas erzählen und ihn uns von Ende Juni bis Ende September 2022 leihen möchten, melden Sie sich gerne bei uns.

Mail: neurath@sepulkralmuseum.de
Telefon: 0561 918 93 20

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Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.

Zentralinstitut für Sepulkralkultur

Museum für Sepulkralkultur

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