Künstler*innennekropole
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv | VG Bild-Kunst, Bonn
Grabmal von Karl Oskar Blase

Über die Künstlernekropole

Die Nekropole am Blauen See war das letzte große Kunstprojekt Harry Kramers. Hier sollen bis zu 40 Künstler*innen schon zu Lebzeiten ihre Grabmäler errichten. Über ein Jahrzehnt dauerte die Auseinandersetzungen mit Behörden und Naturschützer*innen bis 1992 diese Utopie doch noch Realität wurde.

Für Harry Kramer war sein Unbehagen gegenüber der Kunst im öffentlichen Raum der Ausschlag gebende Grund, im Naherholungsgebiet des Habichtswalds bei Kassel seine Vorstellungen seines Künstler*innenfriedhofs zu realisieren. So warf er um 1980 der Großraumplanung vor, Kunst zu instrumentalisieren, um mit ihr die sozialen Eingriffe in städtische Strukturen zu kaschieren. Er vertrat die These, dass die den Kunstwerken unterstellte Symbolfunktion dazu genutzt wird, den Unmut über städtebauliche Eingriffe auf die Kunstwerke zu richten. Das einzige Feld, in der Kunst zu ihrem unverwechselbar Eigenen findet, war nach Kramers Ansicht das des Totenkultes. Hier muss der*die Künstler*in nicht nach vordergründigen Inhalten suchen, da sich die Bestimmung des Kunstwerks ganz von selbst aufdrängt.

Man hätte etwas vermisst, wenn im Rahmen eines Projekts, in dem vierzig Künstler*innen zu ihren Lebzeiten an ihrem zukünftigen Bestattungsort ihr eigenes Grabmal errichten, Kritik am Bestattungswesen ausgeblieben wäre. Die viel zitierte Frage Harry Kramers, ob es nicht angemessener wäre, die Kadaver an Bussarde und Hunde zu verfüttern, anstatt sie dem*r Bestatter*in zum Beiseiteschaffen zu überlassen, war deshalb fast schon obligatorisch. Doch lag die eigentliche Absicht, die Nekropole durchzusetzen, darin, neben dem kritischen Hinterfragen der Bestattungskonventionen den ausgewählten Künstler*innen eine Möglichkeit zu bieten, frei aller Auflagen und auftragsmäßigen Verpflichtungen wieder authentische Werke zu schaffen.

Im September 1992 wurden als erste Monumente die Grabmale von Rune Mields und Timm Ulrichs errichtet. Arbeiten von Fritz Schwegler, Werner Ruhnau, Heinrich Brummack, Blalla W. Hallmann, Karl Oskar Blase, Ugo Dossi und Gunter Demnig folgten.

Wie in den Bestattungswäldern, die sich in Deutschland 10 Jahre nach der Einweihung des Künstler*innenfriedhofs etabilierten, dürfen in der Nekropole nur Aschenurnen beigesetzt werden. Indirekt strahlt die Nekropole auch in den Grabmalbereich aus. Durch sie hat das Grabmal an sich seine Bedeutung für die Kunst wiedererlangt, die es spätestens im 19. Jahrhundert verloren hat.

Wir bieten Führungen zur Künstlernekropole für Kinder, Schulen, Fachleute oder Wanderlustige an! Auf den jeweiligen Seiten unter "Bildung & Vermittlung" finden Sie weitere Informationen.

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Ines Niedermeyer

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Gerold Eppler M.A.

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Harry Kramer

25. Januar 1925  – 20. Februar 1997

(Anonymes Grab)

Als Künstler ist Harry Kramer weder einer Gattung noch einem Stil oder Genre zuzuordnen. Seinen Durchbruch hatte der Tänzer, Maler, Bildhauer und Filmemacher 1964 mit seinem „Mechanischen Theater“ im Rahmen der documenta 3. Dort zeigte Arnold Bode Harry Kramers kinetische Plastiken in der Abteilung „Licht und Bewegung“ zusammen mit Werken von Jean Tinguely, Nicolas Schöffer und Jesús Rafael Soto.

Harry Kramer beschäftigte sich als Begründer der Künstler-Nekropole in Kassel auf vielfache Weise mit dem Tod. Beispielsweise in seinem Film „Die Schleuse“, in seinen „Brotköpfen“ oder in seinen Schrifttafeln zur Apokalypse.

1997 wurde Harry Kramer anonym in der Nekropole beigesetzt.

Harry Kramer

Rune Mields

*1935

La vita corre come rivo fluente (1992)

Das Grabmal von Rune Mields besteht aus einer Reihe  weißer und schwarzer Würfel. Nach jedem schwarzen Stein ändert das Band seine Richtung. Es mäandert durch die Wiese wie ein Bachlauf in einer Ebene. In jeden schwarzen Würfel ist jeweils ein Buchstabe eingemeißelt. Die Buchstabenfolge ergibt den Titel des Grabmals “La vita corre, come rivo fluente“.  Da jeder schwarze Stein die Stelle einer Primzahl einnimmt, ergeben sich unterschiedliche Abstände.

Immer wieder bildeten mathematische Phänomene bei Rune Mields den Ausgangspunkt für künstlerische Projekte. Bei der Übertragung rationaler Erkenntnisse in künstlerische Erscheinungsformen bleibt in ihren Arbeiten immer ein unentschlüsselbarer Rest spürbar.

La vita corre come rivo fluente (1992)
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv / VG Bild-Kunst Bonn

Timm Ulrichs

*31. März 1940

Timm Ulrichs auf der Unterseite der Erdoberfläche (1992)

Timm Ulrichs arbeitet als Konzeptkünstler sowohl multimedial als auch performativ. Als selbsternannter „Totalkünstler“ stellte er auf spektakuläre Weise sein persönliches Endlichkeitsbewusstsein zur Schau. 1977 lief er mit einer Kupferstange auf dem Rücken durch ein Gewitter. 1981 ließ er sich 10 Stunden in einen ausgehöhlten Findling einschließen, und seit 1981 ziert die Tätowierung „THE END“ sein rechtes Augenlid.  

1992 wurde ein Körperabguss des Künstlers aus Bronze kopfüber an der Hangkante des Blauen Sees eingegraben. Der Blick der Betrachtenden fällt durch die Fußsohlen in das Innere der Figur. Die Bronzehülle des Grabmals umschließt somit den Raum, den der Künstler eingenommen hat, als sein Körper abgegossen wurde. Nach dem Tod des Künstlers wird die Skulptur seine Asche aufnehmen.

Kopfstehendes Hohlkörper-Denkmal II (1972/80/90)
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv / VG Bild-Kunst Bonn

Fritz Schwegler

7. Mai 1935 – 3. Juni 2014

EN 6355 (1993)

„EN 6355“ ist vielleicht das rätselhafteste Grabzeichen in der Künstlernekropole. Bevor 1993 bei der Errichtung des Denkmals der mit zwei Grabinschriften versehene Deckel des Sarkophags geschlossen wurde, deponiert Fritz Schwegler darin zwei „Notwandlungsstücke“ sowie ein „Abulvenz-Buch“. Schwegler hinterfragte in seinen Arbeiten die Begrifflichkeit der Dinge. Seine Bildcollagen, Kleinplastiken und Wortspiele wirken auf den ersten Blick vertraut. Doch weichen sie durch Veränderungen und Variationen immer vom Alltäglichen ab und fordern so den*die Betrachter*in zum Nachdenken auf.

Fritz Schwegler versah alle seine Ideen und Werke fortlaufend mit „ENs“ sogenannten „ErscheinungsNummern“. So auch die Inschriften „WEISZt DU WEIL ICH HIER BIN UND DU BIST AUCH HIER“ (EN 4826) und „LEBENSMÜDE? – ABULVENZ!“ (EN 6036). Diese werden als Ableitung der Initialien des Künstlers – „Eff“ für „Fritz“ und „Esch“ für „Schwegler“ – als „Effeschiaden“ bezeichnet.

Die Aschenurne des Künstlers sollte ebenfalls im Sarkophag beigesetzt werden, doch sollte es anders kommen. 2014 wurde Fritz Schwegler auf dem Dorffriedhof in Breech bestattet.

EN 6355 (1993)
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv / VG Bild-Kunst Bonn

Werner Ruhnau

11. April 1922 – 6. März 2015

Spielraum (1995)

Werner Ruhnau zählte zu den bedeutendsten Theaterarchitekt*innen des 20. Jahrhunderts. Die Gelsenkirchener Theaterbauten (heute „Musiktheater im Revier“), die 1959 eröffnet wurden, setzen bis heute Maßstäbe in der Theaterarchitektur. Unter der Idee der „Bauhütte“ bezog Werner Ruhnau die Bildhauer wie Robert Adams, Paul Dierkes, Norbert Kricke und Jean Tinguely sowie den Maler Yves Klein konzeptionell in die Ausgestaltung mit ein. Die zwei monochromen Bildtafeln an den Außenwänden des Foyers und vier monochromen großformatigen Schwammreliefs in speziellem Ultramarinblau trugen maßgeblich zur internationalen Anerkennung des französischen Malers und Begründers des „Nouveau Réalisme“ bei.

1995 errichtete Werner Ruhnau in der von Harry Kramer begründeten Künstlernekropole seine Grabstätte in Form eines Amphitheaters. Mit seinem Grabmal möchte der Architekt die Besucher*innen zum Mitspielen auffordern. An den vier Toren wurden 1995 von dem Mülheimer Künstler Jochen Leyendecker acht “Wächter”–Köpfe befestigt. Von hier aus führen vier Wege direkt zu den äußeren Umfassungsstreifen des kleinen Amphitheaters im Zentrum der Anlage.

Spiel und Tanz sind auch an diesem Ort zentrale Elemente. Seit der Einweihung probten Werner Ruhnau und Elisabeth Stelkens regelmäßig an ihrem zukünftigen Bestattungsort ihr Begräbniszeremoniell in Form eines Schreittanzes zu einem Trompetenstück von Landgraf Moritz. Dieser Tanz wurde von Familienangehörigen und Freunden auch bei der Beisetzung Werner Ruhnaus am 11. April 2015 aufgeführt. 

Spielraum (1995)
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv / VG Bild-Kunst Bonn

Heinrich Brummack

19. Januar 1936 – 21. Februar 2018

Vogeltränke (1997)

Die „Vogeltränke“ besteht aus drei Elementen. Eine monumentale kreisförmige Scheibe ruht auf zwei Sarkophagen. Das Achteck in der Mitte der Scheibe ist leicht vertieft, so dass sich Regenwasser sammeln kann. Auf den ersten Blick scheint das Motiv der Vogeltränke für ein Grabmal, das mitten im Wald steht, plausibel. Es ist kein Zufall, dass sich die Schale, die das Wasser auffängt und bewahrt, innerhalb der runden Steinscheibe als Achteck absetzt. Die Acht ist Zahl des glücklichen Neuanfangs. Die Acht wird deshalb im Christentum zum Symbol der Auferstehung und der Neuschöpfung in der Taufe.

Heinrich Brummacks „Vogeltränke“ ist somit Taufstein und Grabmal zugleich. Taufe und Begräbnis, Geburt und Tod, Anfang und Ende werden hier zusammengeführt und bilden eine Einheit. Den Kreis der das Achteck einfasst, kann in diesem Zusammenhang als Sinnbild des Kosmos und als ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen verstanden werden. 

2018 starb Heinrich Brummack. Die Urne, in der seine Asche beisetzt wurde, hat die Form eines goldenen Hasen.

Vogeltränke (1997)
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Blalla W. Hallmann

23. März 1941 – 2. Juni 1997

Abendtreffen an der Lichtung – Harrys Abschied (1998)

Anlässlich des Todes von Harry Kramer malte Blalla W. Hallmann dieses Bild für Helga Kramer. Sie stiftete das Gemälde der Nekropole als Erinnerung an Harry Kramer, dessen Asche anonym am Blauen See beigesetzt wurde. 

Blalla W. Hallmann selbst verstarb, kurz nachdem er das Bild für den verstorbenen Freund gefertigt hatte, selbst. Er starb noch bevor er ein eigenes Grabmal für die Künstlernekropole entwerfen konnte. Somit dient das Gemälde seither als Epitaph, ein Grabdenkmal ohne beigesetzten Körper,  sowohl für ihn selbst als auch für Harry Kramer.

Abendtreffen an der Lichtung – Harrys Abschied (1998)
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Karl Oskar Blase

24. März 1925 – 27. Dezember 2016

Momentum (2001)

Karl Oskar Blase war als Grafiker an mehreren documenta-Ausstellungen beteiligt – sowohl als Teilnehmer als auch als Gestalter von Signet, Leitsystemen und Katalogen. In seinem Grabmal „Momentum“ hat er einem Augenblick (Moment) als Monument Dauer verliehen.

Auf einem Pfeiler mit rechteckigem Grundriss thront ein überdimensionales Auge. Auf der Vorderseite wölbt sich die Linse nach außen, auf der Rückseite ist sie eingezogen – wie der Blick des*r Betrachter*in, der*die angesichts des Grabmonumentes möglicherweise – und sei es nur für einen Augenblick – den Blick auch auf das eigene Innerste richtet. Seit 2005 ruht hier auch Marga Blase, die Frau des Graphikdesigners. Karl Oskar Blase verstarb am 27. Dezember 2016.

Momentum (2001)
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Ugo Dossi

*1. November 1943

Denk-Ort (2003)

In die acht Stahlplatten wurden mit Lasertechnik verschiedene Piktogramme geschnitten. Im inneren Quadrat zeigen sich vier verschiedene Gesichter des Todes. Auf den Platten des äußeren Quadrats sind Formen der Seele dargestellt. Ugo Dossis künstlerisches Anliegen ist es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Seine Vorgehensweise verbindet ihn dabei mit Wissenschaftler*innen. Über die Methode des automatischen Zeichnens versucht er, sich die Bildersprache des Unbewussten zu erschließen. Die aus diesem Zusammenhang heraus entwickelten Piktogramme sind Sinnbilder kollektiver Sehnsüchte, Wünsche und Ängste und damit auch von Empfindungen, die der Tod in der Vorstellung der Menschen auslösen kann.

Denk-Ort (2003)
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Gunter Demnig

*27. Oktober 1947

Circuitus (2011)

Gunter Demnig wurde durch seine „Stolpersteine“ bekannt, die er seit 1997 vor den Häusern von Menschen verlegt, die während der Naziherrschaft ermordet wurden. Angesichts der Kontroversen um seine Kunstaktionen im öffentlichen Raum, in denen sich künstlerische und politisch soziale Handlungsfelder oft überlagern, treten Demnigs plastischen Arbeiten meist in den Hintergrund. Die bizarr verschlungenen Klanginstallationen, die die Grenzen zwischen Musik und Plastik aufheben, sind ebenso wenig bekannt wie die „Hydraulischen Skulpturen“.

Diese sind nach dem Prinzip der Wasseruhren aufgebaut. Sie zählen zu den ältesten Formen der Zeitmessung und wurden in der Antike zum Bewässern der Felder eingesetzt. Weil sich in den Hydraulikskulpturen Statik und Bewegung sowie Dauer und Veränderung als scheinbar widerstreitende Prinzipien verbinden, eignen sie sich auch als Analogie für den Kreislauf von Werden und Vergehen. Und so war nahe liegend, dass gerade diese Werkgruppe den Ausgangspunkt für Gunter Demnigs Grabmal „Ciruitus“ (Keislauf) bildet.

Solange Gunter Demnig lebt, ragt der innere Zylinder hoch empor. Nach Demnigs Tod wird seine Urne in der Skulptur verschwinden und der Zylinder senkt sich nach unten.

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