Vortrag: Mein Kind hat Fell Vortrag: Mein Kind hat Fell
Vortrag: Mein Kind hat Fell

 

27. Mai 2026 | 18.30 Uhr

Eintritt: 12 / 9 Euro
(inklusive Museumseintritt bis 20 Uhr)

Mein Kind hat Fell

Statussymbol, Seelentröster, Familienmitglied: Die neue Rolle des Tieres in einer unsicheren Welt

Familienmitglied, Partnerersatz, Kind – die Rolle des (Haus-)Tiers hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Dementsprechend groß ist auch der Abschiedsschmerz, wenn dieses Tier stirbt. Cordelia Noe, Expertin für Tiertrauer und mentale Gesundheit, greift bei ihrem Vortrag die starke emotionale Identifikation moderner Tierhalter auf. Wie hat sich die Beziehung verändert? Welche Umstände haben dazu geführt, dass Hund, Katze, Pferd heute als Seelentröster, Partner- oder Kindersatz betrachtet werden? Und wie lässt sich das Phänomen psychologisch erklären? Der Wandel hin zu den sogenannten ‚Pawrents‘ markiert einen Riesenumbruch in unserem Beziehungsgefüge. Auch wird aufgezeigt, wie Tiere in Krisenzeiten zur emotionalen Konstante werden und warum die Anerkennung dieser tiefen Bindung heute eine zentrale Rolle in unserer modernen Abschiedskultur spielt.

Cordelia Noe schlägt mit ihrer Plattform The Pet Bond Lab die Brücke zwischen tiefer Emotion, moderner Tiermedizin und Wirtschaft. Nach ihrem Studium der Soziologie sowie Arbeits- und Organisationspsychologie in München vereint sie heute ihre Expertise als zertifizierte Trauerbegleiterin mit weitreichender Erfahrung aus der internationalen Kunst- und Strategiewelt.

Besonders in der Tiermedizin möchte sie neue Maßstäbe für die Euthanasie-Begleitung sowie die psychische Gesundheit in Kliniken setzen und begreift die Mensch-Tier-Bindung als zentralen Faktor für zukunftsfähige Kommunikation. Als Speakerin stärkt sie die Führungskultur in Praxen und Unternehmen gleichermaßen und entwickelt kreative Werkzeuge, um emotionale auszugleichen. Ihr Ziel: Die Bindung zum Tier in all ihren Facetten – inklusive der Trauer – als festen Bestandteil unserer Identität und modernen Arbeitswelt greifbar zu machen.

Trauerbegleiterin Cordelia Noe
Trauerbegleiterin Cordelia Noe
© privat

„Tiertrauer ist oft der erste Berührungspunkt mit der eigenen Endlichkeit“

Cordelia Noe über die Rolle von (Haus-)Tieren in einer Zeit des Umbruchs

Von Anna Lischper

Dass der Hund heute draußen vor dem Restaurant auf Herrchen/Frauchen wartet, ist ja nur noch selten zu sehen: Der Hund ist einfach immer mit dabei. Mit diesem Bild im Kopf: Was ist der aktuelle Stand der Mensch-Tier-Beziehung?
Wir erleben einen massiven gesellschaftlichen Umbruch, der durch Krisen befeuert und das Homeoffice erleichtert wurde. Traditionelle Familienmodelle stehen auf dem Prüfstand, und das Haustier rückt fraglos in die Mitte: als vollwertiges Familienmitglied, teils auch Partner- oder Kindersatz. Das hat enorme Auswirkungen auf unser Umfeld: Die Wirtschaft wittert Absatzchancen für alles, was das neue Familienmitglied ‚braucht‘, während gleichzeitig die Ansprüche der Tierhalter*innen an Empathie steigen – auch gegenüber Arbeitgebern und nicht zuletzt der Tiermedizin. Die Beziehung ist geprägt von einer beispiellosen Loyalität. Wir müssen nur aufpassen, dass wir das Tier in seiner Rolle als emotionaler ‚Caregiver‘ nicht überfordern und ihm genug Raum zur Ruhe lassen.

Ob Kaninchen, Katze oder Goldfisch – was „gibt“ das Tier dem Menschen heute?
Tiere schenken uns radikale Präsenz in einer optimierungsgetriebenen Welt. Es ist doch faszinierend: Unsere Tiere wissen nichts über unseren Job oder unsere Herkunft und lieben uns trotzdem ohne Vorbehalte. Sie leben ausserdem komplett im jetzt. Beim Goldfisch ist es vielleicht eher die beruhigende Struktur des Alltags, aber niemand freut sich so sehr wie ein Hund, wenn du nach drei Minuten Müllwegbringen die Tür wieder aufschließt. Tiere sind die einzigen Wesen, vor denen wir uns niemals beweisen müssen. Das ist Balsam für die menschliche Psyche und kompensiert auch vieles, das gerade gesellschaftlich schief läuft.

Du berätst auch Bestatter*innen und bereitest sie vor auf den Umgang mit um ein Tier trauernden Menschen. Wo können die Humanbestatter*innen da noch dazulernen?
Es gibt heute so viele moderne Schnittstellen: Kunden fragen nach gemeinsamen Bestattungsmöglichkeiten oder brauchen Hilfe bei der Frage, wie verbliebene Tiere trauern, wenn ihr Mensch verstirbt. Bestatter*innen können hier Brücken bauen und das Thema Tod durch das Tier ‚nahbar‘ machen. Wer lernt, die Trauer von ‚Pawrents‘ ernst zu nehmen, bedient nicht nur eine Nische, sondern reagiert auf einen tiefgreifenden Wandel unserer Abschiedskultur. Das Tier ist kein ‚Sache‘, sondern ein zentraler Lebenspartner. Ein ganz wesentlicher Aspekt dabei: Die Tiertrauer ist oft der erste Berührungspunkt mit der eigenen Endlichkeit. Sie bietet eine Chance, sich dem schweren Thema Tod vorsichtig zu nähern. Wer den Abschied von einem Tier bewusst gestaltet, ebnet oft den Weg für einen reflektierteren Umgang mit der menschlichen Sterblichkeit.

Bibliografische Angaben

Cordelia Noe: Dear Dog. Ein Freunde- und Erinnerungsbuch für deinen Hund
Verlag für moderne Kunst, 83 Seiten, 18 Euro

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