FRIEDHÖFE AUS ALLER WELT
© Museum für Sepulkralkultur, Kassel, Bildarchiv
Foto: Regina Oesterling

FRIEDHÖFE AUS ALLER WELT

Wir sind auf der ganzen Welt unterwegs und berichten von der Bestattungs- und Friedhofskultur der Länder, Religionen und Kulturen. Die Fotoreisen werden für ihre besondere Aktualität oder Besonderheiten ausgewählt. Die hier gezeigten Sammlungen sollen transformative Prozesse und fortgeführte Traditionen dokumentieren. Die Fotografien und Reiseberichte gewähren so einen Einblick in die Vielfalt der Sepulkralkultur.

 

Der Friedhof von Porreres, MALLORCA

Grabnischen und Gruftgräber

Betritt man den Friedhof des rund 5500 Einwohner zählenden mallorquinischen Ortes Porreres, fällt sofort die buchstäblich vielseitige Architektur und Formensprache bei einem nahezu einheitlichen Farbbild auf. Die Gebäude sowie Gräber und Grabbauten haben einen gelblichen Farbton, ganz so wie viele Häuser des Ortes selbst, bei denen es sich um Sandstein-Bauten handelt. Stimmig fügt sich alles in die umliegende Landschaft ein, die insbesondere im heißen Spätsommer dieser Farbstilistik folgt.

Der Friedhof von Porreres ist vor allem bei herrlichem Wetter eindrücklich. Dies liegt nicht allein an der Herrlichkeit von Sonnenschein und blauem Himmel an sich, sondern daran, dass dadurch ein gewaltiger Farbkontrast entsteht, wodurch die Ruhestätten der Toten auf faszinierende Weise zur Geltung kommen. Neben vielen Einzel-, vor allem aber Familiengräbern, die mit Grabplatten abgedeckt sind (Gruftgräber), gibt es unter- und oberirdisch angelegte Kolumbarien bzw. Grabnischen, außerdem zahlreiche Gruftbauten. Letztere sind Familiengrabstätten, die mit je einem schmalen Eisentor verschlossen sind und ebenfalls mehrstöckige Grabnischen enthalten. Indem diese Grabbauten zum Teil das Friedhofsareal säumen, erinnern sie an einen Camposanto, d.h. an einen Friedhofstyp, dessen oberirdische Gruftkammern hofartig das gesamte Begräbnisareal umschließen. Der klassische Camposanto hat zudem einen sich zum „Hof“ hin öffnenden Bogengang – alternativ eine Kolonnade –, was auf den Friedhof von Porreres in dieser Form jedoch nicht zutrifft.

Bei aller Dominanz des sandsteingelben Farbtons gibt es dennoch auch andere Farbtupfer, obgleich sehr reduziert. Diese werden von diversen Grabaccessoires gebildet, die lediglich auf einigen Kindergräbern etwas üppiger ausfallen. Farbtupfer rekrutieren sich außerdem aus dem ebenfalls meist übersichtlich platzierten Blumen- und Pflanzenschmuck. Vor allem sind es kleine (Kunst-)Blumensträuße, die die Grabnischen zieren, wo sie direkt an deren Frontplatte fixiert oder aber in dort befestigte Gefäße bzw. Vasen hineingegeben werden.

Im Jahr 2016 erregte der Friedhof von Porreres Aufmerksamkeit über Mallorca hinaus, da auf ihm ein Massengrab mit den Überresten von 71 Personen gefunden worden war. Bei den Toten handelte es sich um „Republikaner“,  d.h. um die Anhänger einer demokratisch gewählten Regierung der sog. Zweiten Spanischen Republik, die während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) von rechtsgerichteten „Nationalisten“ hingerichtet wurden.

Fotos: Ulrike Neurath

 

WeiHnachtliche Friedhöfe auf Island

Akureyri im Norden und Borganes im Westen

Tageslicht ist auf Island im Winter ein rares Gut. Dafür ist die künstliche Beleuchtung in Ortschaften und Städten allgegenwärtig seit man die Natur als Energieerzeugung zu nutzen verstanden und perfektioniert hat. Auch Friedhöfe sind durch Straßenlaternen hell erleuchtet. Ungewöhnlich ist es für ausländische Besucher*innen eher, dass zur Weihnachtszeit auch die einzelnen Gräber mit elektrisch leuchtenden Kreuzen geschmückt werden.

Auf neueren Friedhöfen, wie zum Beispiel dem Friedhof oberhalb der Stadt Akureyri (isländische sog. „Hauptstadt des Nordens“, 90km südlich des Polarkreises), wird der Friedhof in ein leuchtendes Gesamtkunstwerk verwandelt – mit vielen vorhandenen Steckdosen und einer Gestaltungsvorgabe bezüglich der zu verwendenden Kreuze.

Auf dem Friedhof des kleinen Ortes Borganes (70km nördlich von Reykjavík) hingegen leuchten die unterschiedlichsten Kreuze vor den Gräbern, eine Gestaltungsvorgabe gibt es hier nicht. Und bei genauerem Hinsehen offenbart sich ein ziemlich improvisiertes Kabelgewirr zwischen den Grabsteinen.

Die Herkunft dieses Brauches ist nicht abschließend geklärt. Es wurde allerdings schon vor Einzug des Christentums auf Island, wie auch in weiteren skandinavischen Ländern, der kürzeste und damit dunkelste Tag des Jahres (21. Dezember) mit einem „Lichterfest“ gefeiert.  Zu diesem Datum, ab dem die Tage wieder länger werden, wurden alle Häuser mit Öllampen und Kerzen geschmückt. Da erscheint es naheliegend, die Toten ebenso mit Lichtern zu ehren. Auch in Norwegen ist es übrigens heute noch üblich, zu Weihnachten brennende Kerzen an den Gräbern aufzustellen.

In den rauen Verhältnissen des isländischen Winters, der vor dem Klimawandel von Oktober bis April noch eine geschlossene Schneedecke und sehr viel Wind mit sich brachte, setzten sich die ersten elektrischen Varianten des Grabschmucks auf den Friedhöfen schnell durch. Wer also um die Weihnachtszeit durch ein dunkles Island reist, wird allerorten von buntem Leuchten herzlich gegrüßt und an die ruhenden Toten erinnert.

Fotos: Michael Göbel

 

Der Cemitério dos Prazeres

"Friedhof der Freuden"

Der Cemitério dos Prazeres ("Friedhof der Freuden") ist der beeindruckendste „Totenacker" der portugiesischen Hauptstadt. Der 1833 nach einer Cholera-Epidemie angelegte Friedhof ist eine Begräbnisstätte für Aristokraten sowie großbürgerliche Intellektuelle und Künstler*innen. Er liegt im Westen der Stadt und zeichnet sich durch seine überirdischen Grüfte aus, den sogenannten Begräbnisvillen, die in Straßen und Alleen angeordnet sind. Sie sind abgeschlossen, jedoch bieten sie den Angehörigen die Möglichkeit einzutreten, um an kleinen Altären in Gegenwart der offen aufgestellten Särgen ihre Toten zu betrauern. Die Nähe zu den Verstorbenen beeindruckt, macht sie doch deutlich, dass sie nicht als bedrohlich, unhygienisch oder störend wahrgenommen wird. Ganz im Gegenteil: Sie offenbart die Verbindung der Lebenden zu den Toten.

Fotos: Dirk Pörschmann

 

Reise durch Bosnien und Herzegowina

Kriegsgedenken und ein Nebeneinander der Religionen

Serb*innen, Kroat*innen und Bosnier*innen leben im bosnischen Brčko-Distrikt an der Grenzregion der drei Länder eng beieinander. Bei der Reise quer durch die Region Brčko wechseln sich muslimische, katholische und serbisch-orthodoxe Friedhöfe ab. Und damit meist auch weiße Steinstelen der muslimischen Bevölkerung und schwarze Grabsteine mit Fotogravuren aus dem Leben der Verstorbenen auf den christlichen Friedhöfen.

Ein kleiner Friedhof nahe Brčko mit hauptsächlich serbisch-orthodoxen Gräbern liegt zwischen Feldern und Hügeln. Auf den Vorderseiten der rot-schwarzen Grabsteine sind oft kleine Emailleplatten mit Porträt-Fotos der Verstorbenen angebracht, auf den Rückseiten große fotorealistische Gravuren aus dem Alltag – mit Musikinstrument, Flinte oder Tasse in der Hand. In den Metallhäuschen neben den Familiengräbern liegen Reste vom Anzünden der mitgebrachten gelben Kerzenstäbchen und von Weihrauch und Kohle.

Auf dem Bare Friedhof in Sarajevo hingegen liegen die unterschiedlichen Bestattungstraditionen eng beieinander. Der 1962 eröffnete Friedhof ist einer der größten Europas. Er erstreckt sich – nach Konfessionen aufgeteilt – über die Hügel nahe der Stadt und gibt ein Bild der Gräber-Vielfalt und auch der Opfermassen der Jugoslawienkriege. In der Mitte stehen im Halbkreis angeordnete, organisch wirkende Kapellen für die Angehörigen der jeweiligen Konfessionen zur Verfügung – muslimisch, orthodox, atheistisch, katholisch und jüdisch. Eigene Gräberfelder gibt es zudem noch für Adventist*innen, Evangelist*innen und Altkatholik*innen. Auch hier finden sich die schwarz-roten Grabsteine auf den Feldern der katholischen und orthodoxen Bevölkerung. Aber auch Grabsteine mit Fotogravuren und dem Halbmond des Islam stehen dort verteilt. Die Grenzen zwischen den Bestattungstraditionen sind bei genauerem Blick manchmal fließend. Was sich beim Verlassen oder Hineinfahren in die Stadt aber am stärksten einprägt, sind die endlosen Gräberreihen der Opfer der Jugoslawienkriege.

Fotos: Tatjana Ahle

 

Reise zur isle of Lewis

Zwischen Himmel und Meer

Die drei Anlagen von Callanish (auch Calanais)  bilden die größte heute bekannte Steinformation der Megalithkultur auf den britischen Inseln. Sie stammt aus der Bronzezeit (ca. 5000 v. u. Z.) und besteht nicht aus einem Kreis, sondern aus mehreren in sich verwobenen Formen. Der größte Monolith ist 4,5m hoch. Der Sinn hinter der Erschaffung der Steinformation liegt im Dunkeln. Die populärste Theorie besagt, dass sich die Steine auf den Verlauf des Mondes beziehen. Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit auf den Äußeren Hebriden, ist Callanish weniger bekannt als Stonehenge, jedoch  besser zugänglich. Die Besucher*innen kommen – im Gegensatz zum abgesperrten Stonehenge – direkt an die Steine heran und der Zutritt ist (noch) kostenlos. 

Der Friedhof von Bosta auf der Great Bernera Halbinsel der Isle of Lewis beherbergt wie so viele Orte in Schottland Kriegsgräber. Sie wurden von der Commonwealth War Graves Commission gekennzeichnet, die sich für diese Gräber verantwortlich zeichnet. Die Gräber der im Ersten und Zweiten Weltkrieg Gefallenen sind besonders geschützt.

Direkt am Meer liegt einer der Friedhöfe der Bhaltos Halbinsel. Viele Friedhöfe auf den Äußeren Hebriden zeichnen sich durch die Begrenzung durch eine Steinmauer aus. Sie liegen häufig außerhalb der Dörfer. Da auf den Hebriden das Meer nicht weit ist, haben sie oft einen Strand in der Nähe und einen wunderschönen Blick aufs Meer.

Fotos: Isabel von Papen

 

mehr zur Isle of Lewis

 

Die Äußeren Hebriden sind Inseln 60km vor der Westküste Schottlands, die sich wie auf einer Perlenkette über 208km durch den Atlantik ziehen. Die nördlichste und gleichzeitig größte dieser Inseln ist die Isle of Lewis, die zusammen mit der Isle of Harris eine Doppelinsel bildet. Da Harris durch ein Gebirge getrennt ist, haben die Menschen ihnen zwei Namen gegeben. Insgesamt leben 18.500 Menschen auf der Insel. Ihre Sprachen sind sowohl Englisch als auch Schottisches Gälisch. Der Hauptort von Lewis ist Stornoway. Im Gegensatz zu den weiter südlich gelegenen Hebrideninseln, hat Lewis eine Presbyterianische Tradition (Protestantisch), die bis heute klar auf die Einhaltung des Sabbaths pocht: An Sonntagen steht das öffentliche Inselleben still.

 
 

 

Eine Rundreise durch Mexiko:

An der Route 180 zwischen Campeche und Palenque direkt am Golf von Mexico liegt ein kleiner Friedhof

Auf dem kleinen farbenfrohen Friedhof finden sich Grabanlagen neueren und älteren Datums. Darunter sind schön gestaltete Einzel-Gräber oder einfach gehaltene, oft auch mit mehreren Grabkammern übereinander. Die neueren Einzelgräber sind meist gefliest und haben ein Fenster oder eine kleine offene Kammer. Nach oben schließen viele mit einem Kreuz oder einem Engel ab. Zwischen den einfachen Gräbern gibt es nur festgestampfte Wege. Man sieht ihnen das heiße Klima an, denn sie sind stark verwittert. Zwischen den teurer wirkenden Grabmalen im Haupteingangsbereich führen gepflasterte Wege entlang. Was vor allem auffällt, ist die wundervolle farbige Gestaltung der Gräber. Ganz, als ob einem auch hier das mexikanische Leben entgegen leuchtet, nicht der Tod. Überall findet man Reste des Mexikanischen Totenfestes, dem Diá de los Muertos, das jedes Jahr Anfang November gefeiert wird. Zu diesem Festtag verbringen die Lebenden mit der ganzen Familie die Nacht am Grabmal ihrer verstorbenen Angehörigen, um über sie zu sprechen und sich Geschichten zu erzählen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Sie schmücken die Gräber prunkvoll mit Blumen und Kerzen und haben Gaben für ihre Angehörigen dabei. Dazu gehören Pan de Yema, das Hefegebäck, das den Toten Kraft geben soll bei ihrem Weg zu ihren lebenden Angehörigen, sowie Schokolade und Zuckerschädel, um sie zu stärken und Kerzen um ihnen den Weg zu leuchten. Es wird gemeinsam gegessen, Mezcal getrunken und darauf  gewartet, vom Geist der lieben Verstorbenen berührt zu werden.

Fotos: Regina Oesterling

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Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.

Zentralinstitut für Sepulkralkultur

Museum für Sepulkralkultur

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D-34117 Kassel | Germany
Tel. +49 (0)561 918 93-0
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