"zur Mutter Erde"
Ein Kinderbegräbnis in Berlin Milljöh
Heinrich Zille “Zur Mutter Erde”, 1905
Farbradierung; 43 x 69 cm
„Besauft euch nicht! Und bringt den Sarj wieda. De Müllern ihre Möblierte braucht’n morjen ooch.“ – So lautet der Spruch unter der Farbradierung „Zur Mutter Erde“. Diese Grafik, Teil der 1905 erschienenen Serie „Das Dunkle Berlin“, stammt von von Heinrich Zille (1858–1929). Das erkennen manche sicher auf Anhieb an Farb- und Zeichnungsstrich. Die Darstellung zeigt eine Straßenszene aus der proletarischen “Unterschicht” Berlins, wie sie von Heinrich Zille immer wieder – zeichnerisch und lithografisch – festgehalten wurde.
Ihr Alltagsleben in Hinterhöfen, heruntergekommenen Mietshäusern und Kaschemmen, auf Straßen und Gassen bildete sein künstlerisches Sujet. Das hatte einerseits wohl lokalpatriotische Gründe, denn Zille selbst wuchs ebenfalls in Berlin in ärmlichen Verhältnissen auf. Andererseits mag er Leute und Leben dort immer wieder festgehalten haben, weil ihm das Bild ein gutes Medium zur Sozialkritik bot. So scheinen seine Zeichnungen auf den ersten Blick von großer Komik zu sein, entpuppen sich aber meist – häufig im Zusammenhang mit dazugehörigen Kommentaren – als Bilder von großer Tragik. Sie führen den Betrachter*innen die armseligen Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse des Proletariats und anderer sozialer Randgruppen bitterböse vor Augen. Bei dem hier vorgestellten grafischen Blatt ist das nicht anders. Gezeigt wird ein „einsamer Leichenzug“, bei dem ein Kindersarg auf einem Kinderwagen von einem Mann, vermutlich dem Vater des verstorbenen Kindes, mitten im „Milljöh“ eine Straße entlanggeschoben wird. Zwar ruhen die Blicke vieler Menschen auf diesem Leichenzug, doch scheint er nicht wichtig genug, als dass sich ihm noch sehr viel mehr Menschen anschließen würden. Diese Teilnahmslosigkeit mag auf die damals auch in Deutschland noch hohe Sterblichkeit – gerade auch bei Kindern – hinweisen. Dadurch dürften die Menschen solchen Szenen mit einem Gefühl der Abgestumpftheit und Gleichgültigkeit begegnet haben. Zumindest erweckt die Darstellung diesen Eindruck. Zwar wurde damals auch in höheren gesellschaftlichen Schichten mitunter noch recht früh gestorben, doch war die Gefahr, lebensgefährlich zu erkranken und einen frühen Tod zu finden, aufgrund der prekären Lebens- und Wohnsituation in den unteren Sozialschichten ungleich größer. Darauf spielt zusätzlich der Kommentar unter der Straßenszene an. Der zu Anfang zitierte Satz ist wohl der Ausruf einer nicht eindeutig identifizierbaren Person, die an höchste Eile mit dem Abtransport der Kindsleiche erinnert, da der Sarg (“Sarj”) am nächsten Tag wieder gebraucht werde. Fazit: Zeit und Geld sind derart knapp, dass eine würdige Beisetzung des eigenen Kindes schier unmöglich erscheint – nicht mal ein eigener Sarg ist „drin“. Die Bertrachter*innen bleiben mit dem Gefühl einer hoffnungslosen Tristesse zurück. Die vielen makabren und sarkastischen Elemente verleihen ihm eine besonders starke Wirkkraft.
Das Blatt „Zur Mutter Erde“ ist in einer Auflage von 100 Exemplaren erschienen, wobei es ein Exemplar gibt, das sich von den übrigen in einem Detail unterscheidet. Dieses Detail besteht in dem Zusatz einer kleinen Krone, die auf dem Kindersarg platziert ist. Es handelt sich um eine Totenkrone, die Zille nachträglich noch eingezeichnet haben muss und mit der er die Ironie der Szene weiter verschärft. Denn wenn das Geld eigentlich nicht mal für den Sarg des eigenen Kindes reicht, warum sollte es für eine Totenkrone reichen? Zugleich drückt sich hierin auf sarkastisch-makabre Weise aber auch das kurze trostschöpfende Moment aus, zwar nicht im Leben zu den „Sieger*innen“ gehören zu können, aber immerhin im Tod: Die auf dem Sarg prangende Krone zeigt es allen Umstehenden sowie den Betrachter*innen doch mehr als deutlich.