Wohin mit dem Hund? dazwischen 4.0
Er war ein Teil der Familie.
Er war Dir ein treuer Freund.
Er begleitete Dich seit Deiner Kindheit.
Jetzt ist er tot.
Wohin mit dem Hund?
Die Anzahl der Beine beeinflusst nicht die Intensität des Verlustschmerzes. Würdest Du Dein Haustier bestatten? Wie erinnerst Du Dich daran? Und was macht der Tod eines Menschen mit seinem tierischen Begleiter? In einem Bereich der dazwischen 4.0 widmen wir uns der Mensch-Tier-Beziehung – im Leben wie im Tod. Lerne die Beziehungen kennen, die Mensch und Tier zu Lebzeiten prägen und erfahre, wie Du Abschied gestalten kannst.
Anhand von Interviews und Exponaten erfährst Du außerdem mehr über Orte, an denen wir sterben. Du siehst Fotografien von Sibylle Fendt, die Menschen, die zu Hause sterben wollen, mit der Kamera begleitet hat. Nimm an den bewegenden Momenten ihres letzten Lebensabschnitts teil und spüre, wie die häusliche Umgebung und das Beisein lieber Menschen ein tröstlicher Anker sein können.
In einem weiteren Ausstellungsbereich erfährst du, wie der Mensch anhand von Lifestyle-Produkten versucht, dem Tode zu trotzen. All dies erwartet Dich in der Ausstellung – präsentiert anhand von Exponaten, Dioramen und künstlerischen Beiträgen.
Hast Du Antworten? Dann teile sie mit uns! Unsere Sonderausstellung gibt Dir die Möglichkeit, Dich mit Stift und Papier oder via Social Media einzumischen.
Komm mit auf unser Experimentierfeld.
Es geht um Dich, Dein Leben und die Endlichkeit.
Projekte und Räume
Die Sonderausstellung dazwischen. Du, das Leben und die Endlichkeit gestaltet sich fortlaufend neu. Neue Fragen, neue Themen, neue Beiträge aus Kunst und Alltag laden zu immer wieder neuem Entdecken ein. Hier findet ihr eine Übersicht über aktuelle Projekte, die wir in Kooperationen mit Vereinen, Künstler*innen oder Privatpersonen entwickelt haben. Dazu gibt es natürlich noch viel mehr zu entdecken, aber das müsst ihr im Museum erkunden.
Bevor es soweit ist
Sibylle Fendt – Bevor es soweit ist
Er stand noch mal auf, weil er vergessen hatte, die Dachluke zu öffnen, damit nachher die Seele umstandslos hinausfliegen konnte.
(Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann)
Meine Arbeit mit dem Titel „Bevor es soweit ist“ widmet sich Menschen, die in absehbarer Zeit zuhause sterben werden, bzw. die als „austherapiert“ gelten. Ich begleitete sie und ihre Angehörigen/Freunden während ihrer letzten Lebenstage (manchmal auch Wochen und Monate). Im Jahr 2024 ist mein Mann nach langer Krankheit im Kreise der Familie zu Hause verstorben. Nach einer jahrelangen Odyssee von Krankenhausbesuchen, Therapien und Therapieabbrüchen waren wir an dem Punkt, an dem uns klar wurde, dass es zu Ende geht. Der Moment, an dem die Entscheidung fiel, wir bleiben jetzt zu Hause, hat in gewisser Weise Erleichterung gebracht, auch wenn wir ahnten, was uns bevorsteht. So konnten meine Kinder und ich ihn begleiten in dieser letzten Lebensphase. Wir konnten sein Entweichen aus der Welt begleiten und hatten trotzdem den Halt des geliebten Zuhauses, den auch er hatte. Ich war bei ihm, als er starb, und wir konnten Abschied nehmen in einer Umgebung, in der wir uns trotz der unbeschreiblichen Trauer geborgen fühlten. In den vergangenen Monaten habe ich Menschen besucht, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Sie sind zu Hause geblieben oder wieder nach Hause zurück gekehrt. Sie sind heimgekehrt. Um zur Ruhe zu kommen, um noch einmal aufzuatmen. Das Zuhause ist der Ort, an dem sie mehr als sonst irgendwo ihren Liebsten nahe sein können. Der Ort, an dem sie Regisseur*in und nicht Gast sind. Ihr Zuhause wurde zu dem Ort, an dem sie ein letztes Mal seufzen, ein letztes Mal lachen, ein letztes Mal die Hand des Wegbegleiters halten, und dann – so hoffen sie – ganz sanft hinüber gleiten in den Tod.
Sterben ist ein (Tabu-)Thema, mit dem sich jede*r einzelne von uns irgendwann auseinandersetzen muss. Wo und wie will ich sterben. Und in der Rolle einer*es Angehörigen werden wir uns vielleicht sogar mehr als einmal mit einer solchen Situation auseinandersetzen müssen. Die eigene Wohnung spielt in Bezug auf Alte oder Sterbende eine große Rolle. Kann er*sie noch zu Hause bleiben? Wer kümmert sich um ihn*sie? Die Wohnungen die ich besuchte, tragen eine lange Geschichte in sich. Viele Menschen lebten seit Jahrzehnten in ihnen. Das Zuhause, das in der Regel eine sehr positive Konnotation hat, das mit Begriffen wie Heimat, Geborgensein, Vertrautsein, uvm. in Verbindung gebracht wird, kann in dem Moment des Abschiednehmens die selbe positive Ausstrahlung haben. Darum geht es mir in meiner Arbeit: Diesen Halt, diese Heimat spürbar zu machen trotz des Abschieds und Schmerzes. Während meiner Besuche habe ich unzählige besondere Momente erlebt, weil alles so existentiell und intensiv war. Ich war überrascht, wie klar und bereit manche Menschen ihrem baldigen Tod entgegen blickten. Ich spürte aber auch den Kummer und die Verzweiflung über ihr Schicksal. Ich habe eine Weichheit gespürt in Menschen, die so abgebrüht und unnahbar schienen, und sie haben so kluge und weise Dinge gesagt. Ich konnte Fragen stellen, die ich meinem Mann nie stellen konnte. Ich habe so unglaublich viel Dankbarkeit erfahren für meine Arbeit, und ich bin diesen Menschen so dankbar, dass sie mich teilhaben ließen. Kein Weg ist wie ein anderer. Niemand hat keine Angst.
Sibylle Fendt wurde 1974 in Karlsruhe geboren. Nach einem Diplomstudiengang der Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld, ist sie im Jahr 2002 nach Berlin gezogen, wo sie bis heute lebt. Für ihr Abschlussarbeit „Uneins“ hat sie zahlreiche nationale und internationale Preise gewonnen. Im Jahr 2003 war sie Teil der World Press Photo Masterclass.
In den Jahren 2003-2005 war Sibylle Fendt Gaststudentin in der Klasse Wolfgang Tillmans an der Kunstakademie Frankfurt. Seit 2010 ist sie Mitglied der Fotograf*innen-Agentur Ostkreuz, seit 2023 deren Geschäftsführerin. Sibylle Fendt fotografiert im Editorial Bereich für Magazine, unterrichtet Fotografie an verschiedenen Hochschulen und arbeitet kontinuierlich an freien Langzeitprojekten, die international ausgestellt werden. Ihre Themen sind soziale Ausgrenzung, Gender-Studies, psychische, soziale, krankheitbedingte Krisen und einfach nur das ganz „normale“ Leben. Das Portrait steht dabei im Mittelpunkt ihrer Arbeit.
Bibliografische Informationen
Sibylle Fendt: Bevor es so weit ist
Kehrer Verlag, 140 Seiten, 48 Euro
Eröffnung
Wir laden dich ein zur Eröffnung des vierten Updates der Reihe dazwischen. Du, das Leben und die Endlichkeit. Mit Interviews, Fotografien, Exponate, Playmobil-Dioramen und künstlerischen Beiträgen zur Beziehung von Mensch und Tier zu Lebzeiten und im Tod, zu Sterbeorten und dem Bedürfnis nach Unsterblichkeit sowie zum Thema Spiel und Tod. Mit der Fotoausstellung Bevor es so weit ist von Sibylle Fendt.