Die Fotografin Sibylle Fendt zeigt innerhalb der Ausstellung dazwischen 4.0 Fotografien, für die sie Sterbende in ihrem Zuhause begleitet hat. Einer Führung durch die Ausstellung Bevor es so weit ist schließt sich ein Gespräch mit dem Palliativmediziner Dr. Thomas Schindler sowie Angehörigen von Menschen, die im eigenen Zuhause sterben woll(t)en und Museumsdirektor Dr. Dirk Pörschmann an.
Eintritt und Teilnahme kostenlos, Spende erbeten
Sibylle Fendt: Bevor es so weit ist
Kehrer, 140 Seiten, 48 Euro
Sibylle Fendt – Bevor es soweit ist
Er stand noch mal auf, weil er vergessen hatte, die Dachluke zu öffnen, damit nachher die Seele umstandslos hinausfliegen konnte.
(Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann)
Meine Arbeit mit dem Titel „Bevor es soweit ist“ widmet sich Menschen, die in absehbarer Zeit zuhause sterben werden, bzw. die als „austherapiert“ gelten. Ich begleitete sie und ihre Angehörigen/Freunden während ihrer letzten Lebenstage (manchmal auch Wochen und Monate). Im Jahr 2024 ist mein Mann nach langer Krankheit im Kreise der Familie zu Hause verstorben. Nach einer jahrelangen Odyssee von Krankenhausbesuchen, Therapien und Therapieabbrüchen waren wir an dem Punkt, an dem uns klar wurde, dass es zu Ende geht. Der Moment, an dem die Entscheidung fiel, wir bleiben jetzt zu Hause, hat in gewisser Weise Erleichterung gebracht, auch wenn wir ahnten, was uns bevorsteht. So konnten meine Kinder und ich ihn begleiten in dieser letzten Lebensphase. Wir konnten sein Entweichen aus der Welt begleiten und hatten trotzdem den Halt des geliebten Zuhauses, den auch er hatte. Ich war bei ihm, als er starb, und wir konnten Abschied nehmen in einer Umgebung, in der wir uns trotz der unbeschreiblichen Trauer geborgen fühlten. In den vergangenen Monaten habe ich Menschen besucht, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Sie sind zu Hause geblieben oder wieder nach Hause zurück gekehrt. Sie sind heimgekehrt. Um zur Ruhe zu kommen, um noch einmal aufzuatmen. Das Zuhause ist der Ort, an dem sie mehr als sonst irgendwo ihren Liebsten nahe sein können. Der Ort, an dem sie Regisseur*in und nicht Gast sind. Ihr Zuhause wurde zu dem Ort, an dem sie ein letztes Mal seufzen, ein letztes Mal lachen, ein letztes Mal die Hand des Wegbegleiters halten, und dann – so hoffen sie – ganz sanft hinüber gleiten in den Tod.
Sterben ist ein (Tabu-)Thema, mit dem sich jede*r einzelne von uns irgendwann auseinandersetzen muss. Wo und wie will ich sterben. Und in der Rolle einer*es Angehörigen werden wir uns vielleicht sogar mehr als einmal mit einer solchen Situation auseinandersetzen müssen. Die eigene Wohnung spielt in Bezug auf Alte oder Sterbende eine große Rolle. Kann er*sie noch zu Hause bleiben? Wer kümmert sich um ihn*sie? Die Wohnungen die ich besuchte, tragen eine lange Geschichte in sich. Viele Menschen lebten seit Jahrzehnten in ihnen. Das Zuhause, das in der Regel eine sehr positive Konnotation hat, das mit Begriffen wie Heimat, Geborgensein, Vertrautsein, uvm. in Verbindung gebracht wird, kann in dem Moment des Abschiednehmens die selbe positive Ausstrahlung haben. Darum geht es mir in meiner Arbeit: Diesen Halt, diese Heimat spürbar zu machen trotz des Abschieds und Schmerzes. Während meiner Besuche habe ich unzählige besondere Momente erlebt, weil alles so existentiell und intensiv war. Ich war überrascht, wie klar und bereit manche Menschen ihrem baldigen Tod entgegen blickten. Ich spürte aber auch den Kummer und die Verzweiflung über ihr Schicksal. Ich habe eine Weichheit gespürt in Menschen, die so abgebrüht und unnahbar schienen, und sie haben so kluge und weise Dinge gesagt. Ich konnte Fragen stellen, die ich meinem Mann nie stellen konnte. Ich habe so unglaublich viel Dankbarkeit erfahren für meine Arbeit, und ich bin diesen Menschen so dankbar, dass sie mich teilhaben ließen. Kein Weg ist wie ein anderer. Niemand hat keine Angst.
Sibylle Fendt wurde 1974 in Karlsruhe geboren. Nach einem Diplomstudiengang der Fotografie an der Fachhochschule Bielefeld, ist sie im Jahr 2002 nach Berlin gezogen, wo sie bis heute lebt. Für ihre Abschlussarbeit „Uneins“ hat sie zahlreiche nationale und internationale Preise gewonnen. Im Jahr 2003 war sie Teil der World Press Photo Masterclass.