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Porträt: Stefan Scherl

„Ich bin auf Friedhöfen groß geworden“

Bestattermeister Stefan Scherl über den Tod und einen offenen Generationendialog

Von Stefanie Saur

Stefan Scherl ist neben Steinmetz- und Bildhauermeister auch Bestattermeister.  Seit sechs Jahren arbeitet der 46-Jährige beim Kasseler Bestattungsunternehmen Kracheletz als Trauer- und Vorsorgeberater.  Mit seinem Sohn, der acht Jahre alt ist, besucht er auch gerne die Veranstaltungen im Museum für Sepulkralkultur. Denn ihm möchte er genau das vermitteln, was er selbst von seinem Vater gelernt hat: „Der Tod ist für mich von Kinderbeinen an etwas ganz Normales, Natürliches, was zum Leben und zu unserer Gesellschaft gehört und auch viel Akzeptanz und Toleranz fordert“.

Stefan Scherl war als Kind viel mit seinem Vater auf Friedhöfen unterwegs. Denn dieser bewirtschaftete als Totengräber im Sauerland über 40 Friedhöfe. „Ich bin auf Friedhöfen groß geworden,“ fasst Scherl seine Kindheit und Jugend zusammen.  Die erste Leiche hat er mit sechs oder sieben Jahren gesehen.  Sonntags war er oft mit seinem Vater unterwegs, als Jugendlicher ging er bei den Bestattern ein und aus. Da ihm das Gestalterische liegt, absolvierte er nach einem Jahr Zivildienst in der Jugendherberge Edersee in Marsberg eine Ausbildung zum Steinmetz/Steinbildhauer.

Vier Jahre als Steinmetzgeselle auf Wanderschaft

Von 2002 bis 2006 war Stefan Scherl als Steinmetzgeselle auf Wanderschaft in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Namibia und Tansania unterwegs und arbeitete unter anderem für die Steinmetz-Werkstatt Franki (Furtwangen), Laurent Goudet (Quistinic/Bretagne), Steintreffen Baunach (Franken), Fa. Leonhardt (Mannheim), DED-Projekt Namibia, HP Castle GbR (Homburg/Main), Steinwerkstatt Regensburg, Schlossbauhütte Büdingen, Denkmalpflege Crailsheim, Benediktiner-Abtei Ndanda (Tansania). „Ich würde jedem empfehlen, auf Wanderschaft zu gehen, aber es heute nicht noch einmal selbst machen wollen,“ sagt er. In dieser Zeit hat er viel über das Leben gelernt: „Ich habe Gemeinschaftssinn, Achtsamkeit und Freude am schöpferischen Tun in vielen Formen erlebt.“ Hier hat er auch Erfahrung in Handwerk, Denkmalpflege und Bestattungswesen gesammelt. Es entstand ein großes Netzwerk weltweiter Kontakte, das sich bis heute hält.

Nach der Wanderschaft arbeitete Stefan Scherl als angestellter Totengräber und Gartenbauer in Marsberg. In den Jahren 2007 – 2009 besuchte er die Meisterschule in Soest. Er verbrachte vier Jahre als Steinmetzmeister und Filialleiter in Korb/Remshalden und wagte als Quereinsteiger den Sprung in die Bestatterbranche: Zunächst als Bestattungshelfer, dann als Bestatter und nach einer berufsbegleitenden Ausbildung seit Ende 2019 als angestellter Bestattungsmeister beim Kasseler Traditionsunternehmen Kracheletz. Das Unternehmen ist seit 25 Jahren Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V., Stefan Scherl ist seit Anfang 2025 dabei. Er schätzt das hohe Engagement und die branchenübergreifende Vernetzung.

„Ich mag es, Menschen helfen zu können“

Warum hat sich der Steinbildhauermeister zum Bestattermeister weitergebildet? „Ich mag es, Menschen helfen zu können. Auf dem Land, als ich klein war, wusste jeder, was zu tun ist. Jetzt gibt es hier manchmal eine gewisse Hilflosigkeit.“  Stefan Scherl sieht hier seine Aufgabe darin, alle Angehörigen sicher durch den Trauerprozess zu geleiten und ihnen moderierend zur Seite zu stehen. Ihn begeistert in diesem Beruf die Vielseitigkeit der Aufgaben.

Intern kümmert er sich um die Arbeitsorganisation der Mitarbeiter. Für die Kunden steht er zur Vorsorgeberatung sowie auch im Sterbefall zur Beratung für Grabarten, Sarg- Urnenauswahl, Organisation und Begleitung bei den Trauerfeiern, Absprachen mit der Friedhofsverwaltung, Beantragung von Sterbeurkunden und vieles mehr zur Verfügung. Denn neben dem Basispaket Grabstätte mit Trauerfeier kann der Kunde viele weitere Dienstleistungen hinzubuchen, die sich dann natürlich auch im Preis widerspiegeln.
„Die Branche funktioniert, denn gestorben wird immer. Aber es existiert natürlich wie überall ein Preiskampf,“ sagt Scherl. Bei der Frage nach dem Preis müsse jede Seite klar differenzieren können, welche Leistungen gefragt und welche Kosten dafür veranschlagt werden.

Welche Eigenschaften braucht es für seinen Beruf? „Vor allem Weltoffenheit, Gelassenheit, Respekt vor der Würde eines jeden Menschen,“ sagt Stefan Scherl. Natürlich gehöre auch die Arbeit an der Leiche mit dazu, das Waschen, Ankleiden, Vorbereiten für die Aufbahrung. „Und, man sollte wissen: Die Tätigkeit ist auch sehr bürokratisch und kaufmännisch. Der größte Teil findet am PC statt.“ Und es habe sich im Laufe seiner Berufsjahre einiges verändert. „Das Verhältnis von Erd- zu Feuerbestattungen hat sich vom Verhältnis 50:50 auf 10:90 gedreht. Und die Trauerfeiern sind seit Corona kleiner geworden von der Anzahl der Personen her,“ so Scherl. Als Ritual gehalten habe sich indes, den Verstorbenen etwas mitzugeben und sich am Grab noch einmal von ihnen zu verabschieden. Eine gute Bestattung mache aus, „wenn die Angehörigen damit zufrieden sind und es für sie ein guter Abschluss war,“ sagt Stefan Scherl.

Was rät er Menschen als Vorsorgeberater? Ganz klar: Man sollte bereits früh mit der Sterbegeldversicherung beginnen und mit den Angehörigen klären, wie, wo und in welchem Kreis man beerdigt werden möchte. „Und im konkreten Fall: Ruhe bewahren. Sich nicht unter Druck setzen. Wichtigster Schritt: Den Bestatter anrufen. Der führt dann sicher durch alles, was getan werden sollte.“

Wer Stefan Scherl kennt, weiß, dass er immer sehr sorgsam gekleidet ist. Warum ist das so? „Ich bin 20 bis 30 Jahre nur in Arbeitskleidung unterwegs gewesen. Ich finde Anzug und Hemd als Bestatter sehr passend. Das macht etwas mit dem Gegenüber.“

Und wie lebt er sein eigenes Leben, nach welchem Motto? „Im Bewusstsein, dass das Leben endlich ist. Im Memento mori. Nach dem Motto: „Was immer du tust, tue es weise und bedenke das Ende.“  Stefan Scherl genießt das Leben im Hier und jetzt, in Kassel, mit seiner Familie. Seine Hobbies sind das kreative Gestalten, Radfahren, Fliegenfischen, Thai Chi und die Gartenarbeit. Wie er seinem Sohn das Thema Tod vermittelt? „Ganz offen. Mein Sohn fragt mich auch viel. Er weiß, in welchem Beruf ich arbeite. Und er weiß auch, warum der Opa einen Bagger hat.“

Porträt: Eckehart Göritz

„Die Verortung des Todes ist ein ganz entscheidender Faktor“

Eckehart Göritz, Chef der Friedhofsverwaltung Kassel, über die Herausforderungen seiner Branche

Eckehart Göritz hat seit Jahrzehnten von Berufs wegen täglich mit dem Tod zu tun: Der 59-Jährige ist seit 2020 Chef der Friedhofsverwaltung von Kassel, die seit 1951 Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal ist. Ein Porträt.

Von Stefanie Saur

„Meine Großmutter hat mich früher auf den Friedhof mitgenommen.
Es gab mir immer ein gutes Gefühl.“

Eckehart Göritz ist gelernter Friedhofsgärtner, Landschaftsarchitekt, Bestattermeister, Bestattungsfachwirt und Friedhofsverwalter. Ihm fehlt im Berufsfeld rund um den Tod nur noch die Ausbildung zum Steinmetz, scherzt er. Auch räumlich ist Göritz viel herumgekommen: Hannover, Cottbus, Leipzig, Bremen, Hamburg, Darmstadt und jetzt Kassel. Hier ist er seiner Heimat Bad Hersfeld nah. In Kassel kümmert er sich mit seinen Kolleg*innen um 14 Friedhöfe - 13 davon sind Stadtteilfriedhöfe - mitsamt Krematorium und Friedhofsgärtnerei und einem Militärfriedhof. Insgesamt arbeiten in der Sommerzeit für die Friedhofsverwaltung und -Gärtnerei sowie das Krematorium, rund 150 Mitarbeiter.

Faible für Park- und Landschaftsfriedhöfe

Als Landschaftsplaner liebt er vor allem die im 19. Jahrhundert angelegten Park- und Landschaftsfriedhöfe. So mag er besonders offen angelegte Friedhöfe wie der Nordfriedhof in Kassel einer ist: Er ist nicht von einer Mauer umgeben. „Hier kann man direkt in die Landschaft schauen. Das ist ein fließender Übergang und stillt diese Sehnsucht nach Weite.“

Der Hauptfriedhof wurde 1841 gegründet und es wurde schon damals alter Baumbestand integriert, sagt Göritz. Er verrät eine weitere Besonderheit der Kasseler Friedhöfe: Alle stehen unter der Verwaltung der evangelischen Kirche. Eckehart Göritz definiert seine Aufgabe als Chef der Kasseler Friedhofsverwaltung so: „Ich bin Bewahrer dessen, was vor mir geschaffen wurde und Erneuerer dessen, was die Friedhofskultur in ihrer Umbruchsphase gerade mitbringt. Da gilt es, Lösungen zu finden und umzusetzen.“

Was sind die aktuellen Herausforderungen für Friedhofsverwalter*innen? Die Digitalisierung, nicht nur in Bezug auf die Kundendaten, sondern in Bezug auf die digitale Erfassung der Gräber, sagt Eckehart Göritz. Dann die Kosten für die Unterhaltung und Erhaltung der Friedhöfe bei rückgängiger Auslastung. Die Grabstätten sind nur zur Hälfte belegt, die Pflege des Gebäudebestands (teilweise unter Denkmalschutz stehend) und die Unterhaltung der Friedhöfe an sich ist recht kostenintensiv. Viele Menschen seien in andere Grabformen abgewandert.

Erhalt und Erneuerung

Wie kann man dem entgegenwirken? „Wir haben unsere Grabarten erhöht“, sagt Eckehart Göritz. „Es ist für jeden Anspruch etwas dabei.“ Es gibt zum Beispiel Friedparkgräber oder Baumgräber mit Sarg- und Urnenbestattungsmöglichkeit. Auch andere pflegefreie Grabarten wie Rasen-Wahlgräber, Urnenkultur- und -gemeinschafts- oder -reihengräber werden angeboten. Das klassische Angebot des Familiengrabs gibt es nach wie vor. Der Hauptfriedhof hat neben dem Krematorium auch ein Mausoleum. Pro Grab bewegt man sich zwischen ca. 2.000 Euro für ein Gemeinschaftsgrab und 30.000 Euro für einen Platz im Mausoleum. Die Spanne nach oben ist offen.

Welche Entwicklungen sind noch zu beobachten? Ganz klar: Das Thema Ökologie bekomme auf den Friedhöfen, auch den Stadtteilfriedhöfen, zunehmend Bedeutung und kreiert neue Standards, erklärt Göritz. Weitere Entwicklungen: Das Umwandeln der Flächen für muslimische Bestattungen. Diese sind bereits auf dem Westfriedhof möglich, in Zukunft auch auf dem Hauptfriedhof. „Unsere Erfahrung zeigt: Es braucht dafür Einiges an Vorplanung,“ sagt Eckehart Göritz.

Ein typischer Arbeitstag endet bei Eckehart Göritz oft mit einem Gang über den Friedhof. „Ich starte im technischen Bereich, schaue im Krematorium vorbei und gehe dann ins Büro. Der Verwaltungsaufwand ist in den vergangenen Jahren recht hoch geworden.“ Dann stehe oft noch der Besuch eines Außenfriedhofs an und manchmal gibt es Besprechungen mit Angehörigen am Grab.

Zufrieden macht ihn seine Arbeit, wenn er Ergebnisse sieht: „Wenn Lösungen erfolgreich umgesetzt sind und auf Dauer auch bleiben. Es sind oft sehr langfristige Prozesse und wir haben viele Auflagen.“ Und was braucht es für diese Arbeit aus seiner Sicht? „Beharrlichkeit, Improvisationsvermögen, Toleranz, Jonglieren können mit den Möglichkeiten. Man darf sich nicht von Kleinigkeiten aus der Ruhe bringen lassen.“ Auch nicht davon, dass die Branche gerade im Umbruch und ein neuer Friedhofsentwicklungsplan in Arbeit ist. „Die Verortung des Todes ist für die Menschen ein ganz entscheidender Faktor“, ist seine Erfahrung. Es kommen immer mal wieder Menschen zu ihm, die sich später darüber ärgern, kein Grab auf dem Friedhof in der Nähe gewählt zu haben. Und was macht die Arbeit als Friedhofsverwalter mit ihm persönlich? Die tägliche Arbeit im Umfeld des Todes hat ihm den Schrecken genommen: „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, sagt Eckehart Göritz. Warum nicht? „Ganz einfach: Weil ich weiß, was dann kommt.“

Neue Impulse sind wichtig

Wie sieht aus seiner Sicht der Friedhof in 20 Jahren aus? „Die eigentlichen Bestattungsflächen werden verdichtet,“ vermutet Göritz. Dabei könnten die Außenanlagen Parkanlagen bleiben, so die Hoffnung. Was sind indes gute Entwicklungen für Friedhöfe? „Das Windtelefon war eine super Idee,“ sagt Eckehart Göritz. Die Idee des japanischen Gartenarchitekten Itaru Sasaki, symbolhaft über den Wind in einer ausgedienten Telefonzelle mit dem geliebten Verstorbenen zu sprechen, werde sehr gut angenommen. Solche Art Projekte dürfe es viel mehr geben. Das schafft Trost und macht das scheinbar Unmögliche spielerisch möglich.

„Die Arbeitsgemeinschaft ist einzigartiges Kulturgut“

Was gefällt Eckehart Göritz besonders an der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal? Ganz klar: „Die wissenschaftliche Ausrichtung der Arbeitsgemeinschaft“. Weitere Punkte: Das gewerkübergreifende Netzwerken sowie die verschiedenen Ansätze, sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen: Wissenschaftlich. Handwerklich. Verwaltungstechnisch. Künstlerisch. Philosophisch. Kulturhistorisch. Für den Chef der Kasseler Friedhofsverwaltung ist die Arbeitsgemeinschaft „ein Schatz mitten in Deutschland. Das ist Kulturgut, und das ist einzigartig.“

Porträt: Wiebke Sure

Traumjob Friedhofsverwalterin

Wiebke Sure lebt für den Friedhof.

Von Stefanie Saur

Es ist ihr Traumjob: Sie ist seit zwei Jahren im Stadtbetriebsamt von Wetzlar für die Sachgebietsleitung Friedhof und Krematorium verantwortlich. Wiebke Sure unterstehen 11 Friedhöfe, 3 in der Kernstadt und 8 Stadtteilfriedhöfe. Sie ist verantwortlich für die Verwaltung, Neugestaltung, Planung und Umstrukturierung der Friedhöfe und hat Personalverantwortung für 21 Mitarbeiter.

Wiebke Sure (35 Jahre) wollte nach dem Fachabitur in Ernährung zunächst Köchin werden. Ihre Eltern motivierten sie, ein Studium zu beginnen, um ihre wahren Begabungen zu finden. So studierte sie Geographie an der Uni Gießen. Die Nebenfächer wie Botanik gefielen ihr jedoch so gut, dass sie schließlich Gartenbau in Geisenheim studierte. Sie legte im Studium mit der Ausrichtung auf den Dienstleistungs- und Friedhofsgartenbau einen weiteren Grundstein für die Karriere. Zunächst arbeitete sie als Gartenbauingenieurin sechs Jahre in einer Friedhofsgärtnerei, danach in einer verwaltungstechnischen Baufirma. Dann bewarb sie sich auf die Stelle als Friedhofverwalterin in Wetzlar.  

Ihr Fazit nach zwei Jahren im Amt: „Ganz klar mein Traumjob. Ich bin so dankbar, dass es geklappt hat.“ Sie hat flexible Arbeitszeiten und ein gutes Team, auf das sie sich immer verlassen kann. „Ohne meine Crew bin ich nichts“, sagt Wiebke Sure, und man hört die Wertschätzung für jede*n Einzelne*n in ihrer Stimme. Was sie seit jeher am Friedhof schätzt? „Das ruhige, gelassene Umfeld. Die Ruhe.“  Obwohl immer viel zu tun ist.

Drei Friedhöfe verfügen über einen Memoriam-Garten

Gibt es Besonderheiten auf „ihre Friedhöfe“? Der Alte Friedhof in der Kernstadt steht unter Denkmalschutz. Der Neue Friedhof hat einen Memoriamgarten mit Mini-Parkanlage, erzählt Wiebke Sure. Hier arbeitet das Team mit der Treuhandstelle für Dauergrabpflege Hessen-Thüringen GmbH zusammen.

Ein Memoriam-Garten ist ein Bereich auf einem Friedhof, der als Ort der Erinnerung und Ruhe ähnlich wie ein Park gestaltet ist. Er verbindet verschiedene Grabarten, die hierbei immer ins Gesamtbild passen, in einem Grabfeld. Die gesamte Anlage mit den Gräbern wird langfristig von Friedhofsgärtnern gepflegt. Das wird in einem Dauerpflegevertrag geregelt. Für diese besondere pflegefreie Variante gibt es eine Art „All-in-Paket“ mit Garten, Pflege, Stein und Bepflanzung. Auch auf den Friedhöfen in Niedergirmes und Dutenhofen gibt es ein Grabfeld mit Memoriam-Garten.   

Urnenbestattung und pflegefreie Grabstätten sind gefragt

Pflegefreie Grabstätten, Urnennischen und Baumgrabstätten sind gerade generell besonders nachgefragt, ist die Erfahrung von Wiebke Sure. Warum sind pflegefreie Grabstätten gefragt? Eine Erklärung ist: Familien sind heutzutage oft räumlich sehr verteilt, daher ist ihnen die Grabpflege zu aufwändig. Auch zeigt sich hier die Tendenz, dass sich zwischen 70 und 80 Prozent der Menschen für ein Urnengrab entscheiden, der Bedarf nach Erdgrabstätten liegt dementsprechend etwa zwischen 20 und 30 Prozent, so Wiebke Sure.  Die Grabfelder für muslimische Bestattungen – immer Erdbestattungen  –  müssen weiteren Anforderungen genügen, z. B. müssen sie nach Mekka ausgerichtet sein. Auf dem Friedhof Niedergirmes steht ein entsprechendes Grabfeld bereit.

Was ist für ihre Kunden wichtig zu wissen? „Schauen Sie, dass Sie die richtige Grabart wählen“, ist der Rat von Wiebke Sure. Denn diese Entscheidung sollte gut durchdacht sein. Man sollte dabei zum Beispiel wissen, dass an einem Baumgrab nichts abgelegt werden darf, oder, dass ein Reihengrab bei Urnenbestattung nach 15 Jahren und bei Erdbestattung nach 25 Jahren eingeebnet wird. Eine Verlängerung gibt es nur beim Sondergrabrecht. Das sind wichtige Kriterien für eine bedarfsgerechte und damit auch gute Entscheidung.

Auch Kindern mit Führungen das Thema Tod nahebringen

Wiebke Sure setzt mit ihrem Team daher immer auf gute Beratung. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Menschen mitsamt Angehörigen offen für dieses Thema sind. Wiebke Sure bietet daher nicht nur Beratungen, sondern auch Führungen über den Friedhof und im Krematorium an. „Bei meinen Führungen möchte ich Menschen das Thema Tod nahebringen.“ Und das beinhalte nicht nur den Friedhof und das Krematorium, sondern auch die schöne Natur.

Was sie sich für die Zukunft wünscht? Eine Enttabuisierung des Todes, in Bezug auf die Gesellschaft wie auch konkret auf die Familien. Auf dem Neuen Friedhof macht Wiebke Sure daher jedes Jahr eine Kinderführung mit der Trauergruppe „Charly und Lotte“. Sie erklärt dabei den Kindern spielerisch den Friedhof.  

Friedhof der Zukunft: pflegeleichte Artenvielfalt schafft Zeit

Wie könnte denn aus ihrer Erfahrung der Friedhof der Zukunft aussehen? „Ein Friedhof mit einer Vielfalt an Pflanzen, die aber pflegeleicht sind,“ sagt Wiebke Sure. Das schaffe Zeit für andere Dinge. Denn das Zeitmanagement sei bereits heute oft recht eng.

Seit zwei Jahren ist Wiebke Sure Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.  „Ich werde hier immer mit den neuesten Themen auf dem Laufenden gehalten und es ist ein super Infofluss,“ so ihre Erfahrung. Sie setzt generell auf die Zusammenarbeit mit anderen Gewerken und Betrieben.

„Mein Motto ist: Ich lebe für den Friedhof“, ist ihr Fazit. Wer sie hört und sieht, weiß: Sie lebt genau das. Tag für Tag. Und räumt mit ihrer Art und Herangehensweise automatisch auch mit tristen Vorstellungen über die Arbeit als Friedhofsverwalterin auf: „Ich kann auch in meinem Job viel lachen und nein, ich trage auch nicht nur schwarz.“

Kontakt:
https://www.wetzlar.de/leben-in-wetzlar/bestattungswesen/index.php

 

„Ich verteile Feenstaub: Die Menschen öffnen mir ihre Geschichten, und ich höre zu und gebe ihnen eine Gestalt.“

Mehrfach ausgezeichnete Geschäftsführerin und Steinmetzmeisterin im Interview.

Von Stefanie Saur

Sie hat täglich mit dem Tod zu tun. Für Jacqueline Hausotte, Steinmetzmeisterin und Geschäftsführerin von JH Steingestaltung in Leipzig , ist der Tod „ein Teil unseres Seins (…) und irgendwie ein Freund.“ Ihr Credo: „Diejenigen, die einen Verlust erlitten haben und sagen: ‚Ich brauche einen Platz zum Trauern‘, haben Recht.“ Deswegen dürfen Grabmäler aus ihrer Sicht auch farbig sein und der Friedhof bunt und lebendig. Seit 2024 ist sie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. Sie hat in der Ukraine die fachliche Leitung eines bestehenden Steinmetzprojektes übernommen und kam gerade hoch inspiriert von ihrem Besuch dort zurück.

Was bedeutet der Friedhof für dich?
Der Friedhof meiner Kindheit war und ist ein Parkfriedhof an einem Hang: Ein Ort voller alter Steine, Efeu, Geschichten, Ruhe und Zauber und einem ganz großen Frieden. Ich liebe diesen Ort! Und lange Zeit glaubte ich: So sind alle Friedhöfe. So muss ein Friedhof sein. Heute weiß ich, dass ich unendliches Glück hatte. Dieses Gefühl will ich den Menschen schenken.

Was wolltest du als Kind werden?
Zirkusartistin.

Wie ist dein Werdegang? 
Ich habe Abitur gemacht und bin zum Studium gegangen. Den Studiengang habe ich dann in Richtung Kunstgeschichte/Italienisch gewechselt. Das Fach war faszinierend, aber mir fehlte die Praxis und das Tun. Ich war unzufrieden und unglücklich. Der Impuls in Richtung Handwerk kam auf einer Reise nach Böhmen. Es gibt dort herrliche Friedhöfe mit Grabmälern aus der Wende des 19. Jahrhunderts. Für mich war der Impuls geboren: Ich will wissen, wie man das fertigt! Es ist ein Handwerk, und das kann ich lernen! Also habe ich mit Anfang 20 mein Studium an den Nagel gehängt und mich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz als Steinmetzin gemacht. Zu dieser Zeit war das tatsächlich eher schwierig – noch dazu als Frau. Das wurde mir mehrfach gespiegelt. Ich habe meine Ausbildung in Gera begonnen und im bayerischen Wald abgeschlossen. Der Fokus lag auf dem Restaurierungsgeschehen. Nach einigen Jahren als Gesellin in einem auf Grabmale spezialisierten Betrieb habe ich mit der Meisterschule begonnen und mich während der Fortbildung als Meister mit einer Sondergenehmigung der Handwerkskammer selbstständig gemacht. Den Abschluss reichte ich fristgerecht im November 2016 nach. Und dann habe ich im Winter 2024/2025 noch meinen Restaurator im Handwerk Master professional angeschlossen.

Heute bist du im Powerpack Geschäftsführerin und Steinmetzmeisterin, was braucht es dazu?
Gute Organisation, Selbstfürsorge, Mut und Leidenschaft, den Willen, sich immer wieder neu zu erfinden.

Wie definierst du deine Aufgabe?
Ich verteile Feenstaub: Die Menschen öffnen mir ihre Geschichten, und ich höre zu und gebe ihnen eine Gestalt. Das gibt ein Stück weit Freude und Hoffnung, und die ist unverzichtbar für unser Leben. Die Abwesenheit von Hoffnung ist die Hölle. Manchmal habe ich das Gefühl, unter der Last der Geschichten zu brechen, aber dann erinnere ich mich an die Worte, die ein arabischer Freund vor vielen Jahren an mich richtete: „Gott gibt jedem von uns nur das, was er tragen kann.“

Was reizt dich besonders daran?
Ich kann gestalten und verzaubern, ich kann zeichnen, modellieren und mit dem Stein arbeiten, ich kann andere Materialien einfließen lassen und Menschen zum Strahlen bringen!

Ist es für dich Kunst oder Handwerk?
Es ist irgendwie beides, wobei ich mich mit dem Begriff „Kunst“ schwertue. Ich habe für mich keine Definition für Kunst und würde mich daher selbst nicht als Künstlerin bezeichnen.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigst du und wie viele Auszubildende?
Ich habe drei Auszubildende und derzeit zehn Mitarbeiter.

Welche Aufträge machst du am liebsten?
Aufgaben, die mich herausfordern, in denen ich kreativ sein und gestalterisch frei arbeiten kann. Und ich liebe es, neue Wege zu finden und neue Projekte anzugehen.

Welche Herausforderungen stellen sich dir?
Mein Tag hat nur 24 Stunden, egal, was ich unternehme, um ihn auf 48 Stunden zu erweitern. Manchmal ist es schwer, allen Ideen und Projekten gerecht zu werden und vor allem im Blick zu behalten, dass ich meine eigenen Akkus auffüllen muss. Ich habe hier dazu gelernt, nachdem ich sehr auf die Nase geflogen bin.

Auf welche Aspekte oder Dienstleistungen deines Betriebes bist du besonders stolz?
Ich lege extrem viel Wert darauf, alle Menschen gleich zu behandeln – Hautfarbe, Vermögen, Bildungsstand, Religionszugehörigkeit ... Ich bin immer bereit, Lösungen zu finden und bekomme leider immer wieder von Kunden zu hören, dass dies zu meinem wirklichen Entsetzen nicht selbstverständlich ist.

Hast du ein besonderes Kundenerlebnis, von dem du erzählen möchtest?
Da gibt es viele. Vielleicht eines: Eine Dame, die einen Termin vereinbart hat. Ich wusste nur, es geht um ein Kindergrab und ihr Sohn ist wohl schon vor einiger Zeit verstorben. Sie kam mit Ihrem Mann, brachte Bilder mit, Annoncen, Fotos. Ihr Sohn war an plötzlichem Kindstod gestorben, vor 14 Jahren. Zwei Jahre zuvor hatte sie einen Bericht über mich in der Handwerkszeitung gelesen, und in Ihr reifte der Gedanke, von mir einen Stein für ihren Sohn fertigen zu lassen. Es gab bisher noch keinen. Meine Arbeit hat sehr viel mit Zuhören und Reden zu tun, mit „Raum geben“. Sie war unendlich dankbar, als die Grabstelle fertig gestellt war – jetzt hat ihr Sohn einen Platz und sie kann anfangen loszulassen.

Gibt es ein besonderes Projekt, das dir am Herzen liegt?
Ich verfolge jetzt derzeit intensiv das Projekt „Blauer Drache“. Umgeben von 6.500 qm parkähnlichem Garten, in den Räumen einer denkmalgeschützten Turnhalle aus den 1920-er Jahren, entsteht ein Raum für praktische Trauerarbeit. Menschen können hier in einer geschützten und stimmungsvollen Umgebung am Grabmal für einen Verstorbenen mitarbeiten – das reicht von der Gestaltung über die Vorarbeiten bis hin zur praktischen Arbeit am Stein. Tun hilft! In den Räumen der angrenzenden Gründerzeitvilla kann dabei übernachtet werden. Gleichzeitig ist diese Atelierfläche Raum für Kunst und Gestaltung – Lesungen, Ausstellungen, Musik.

Wie wünschst du dir, wie dein Grab einmal aussehen soll?
Ich restauriere mir selbst ein Mausoleum mit Gruft und „Gartenfläche“ links und rechts davon – es ist Farbe, Fantasie und Lebendigkeit. Mittlerweile habe ich Friedhof und Pfarrer davon überzeugt, dass eine Vogelvoliere und freilaufende Pfauen schön wären – diese Umsetzung wird noch ein paar Tage dauern, aber auch das wird kommen. Es wird der Ort meines Gedenkens sein – mein Grab wird aber eventuell ganz woanders liegen. An einem stillen, unscheinbaren Ort als Efeuhügel – eingegangen in die Erde und in ewigen Frieden.

Was wünschst du dir von der Friedhofsverwaltung bzw. Gestaltung?
Mut zuzuhören, Mut eigene Profile zu entwickeln und andere Wege zu gehen.

Hast du einen Tipp für Auszubildende?
 Fordert gute Ausbildung ein! Seid beweglich! Fragt und nehmt alles auf! Nehmt alles an Wissen, Können und Information mit, was Euch über den Weg läuft. Die Früchte kommen oft erst viel später.

Was hast du dir für dieses Jahr und die Zukunft vorgenommen?
Ich forciere massiv mein Projekt Blauer Drache in Gößnitz. Ich strukturiere gerade meine Firma in Leipzig um. Ich verfolge ein Steinmetzprojekt in der Ukraine. Zu meinem 90. Geburtstag plane ich eine große Party im Stil der 20-er Jahre: Ich im langen schwarzen Seidenkleid mit Ebenholzstock und Elfenbeinknauf mittendrin. Und ich will ganz viele gelbe Blumen!

Wie verändert sich das Verhältnis zum Tod, wenn man sich täglich mit ihm auseinandersetzt?
Der Tod ist ein Teil unseres Lebens. Ich weiß und akzeptiere das. Das macht es nicht immer einfacher und leichter, wenn er im persönlichen Umfeld vor der Tür steht, aber er ist nie unaussprechlich. Ihm wohnt eine Schönheit inne, die wir akzeptieren und umarmen dürfen. Er ist mir nah und irgendwie ein Freund. Das Skelett in meinem Büro wird auch immer wieder mal umgezogen und neu „behütet“.

Welche Erkenntnisse hast du daraus gezogen?
Wir haben dieses Leben in all seinen Facetten geschenkt bekommen. Wir dürfen es nutzen und gestalten. Wenn der Tod eines Tages anklopft, ist es gut, wenn wir ihn ohne Klagen einlassen können. Auch, wenn mein Sohn vor Jahren mal zu mir sagte: „Mama, wenn der Tod vor Deiner Tür steht, wirst Du sagen: „Komm rein. Setz dich hin und nimm dir einen Kaffee. Ich habe volles Verständnis für dein Anliegen, aber es ist gerade ein gaaaaaanz schlechtes Timing.“ Und die zweite Aussage war: „Du wirst auch noch mit dem Tod um dein Leben würfeln und gewinnen, weil du falschspielst.“ Das tue ich aber immer nur aus Freude am Spiel!

Gibt es ein Motto, nach dem du lebst?
Wir haben diese Zeit auf Erden von Gott geschenkt bekommen, und wir haben die Freiheit erhalten, sie zu gestalten.

Dein Lieblings-Ausstellungsstück im Museum für Sepulkralkultur: Das Grabzeichen aus individuell gestalteten Holzscheiben mit oben abschließendem Stein von Dirk Franz von 1982. Was hat dich daran besonders fasziniert?
Die Farbigkeit und die ungewöhnliche Form: rund, monolithisch, ein bisschen wie ein Totempfahl oder eine afrikanische Stammesarbeit, urwüchsig und kraftvoll, von einer ungeheuren Lebendigkeit – Hoffnung pur.

Was schätzt du an der Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal?
Das gewerk- und disziplinübergreifende Arbeiten und Zusammenkommen. Die unterschiedlichen Blickwinkel und Perspektiven – sternförmiges Zustreben auf einen Punkt hin – die Bündelung von Kräften, Wissen und Potential.

Welche Themen findest du besonders wichtig?
Den Tod in unser alltägliches Leben zurückzuholen. Er ist ein Teil unseres Seins und wir nehmen uns so viel Leben, wenn wir ihn ausgrenzen. Für mich ist Gestaltung ein wahnsinnig großes Anliegen, dabei geht es ausdrücklich nicht um Dogmatismus! Die ablesbare Geschichte auf Friedhöfen interessiert und begeistert mich – ein Erbe, das es unbedingt zu erhalten gilt und eine meiner großen Leidenschaften. Dabei sollten wir einen lebendigen Umgang mit den Steinen schaffen – dadurch leben sie!

Unternehmensporträt
Die JH-Steingestaltung wurde 2016 als Einzelunternehmen gegründet. Heute hat das Unternehmen seinen Hauptstandort in der Prager Straße und Geschäftsstellen in Liebertwolkwitz und Kleinzschocher, ist eine GmbH und bildet Steinmetze aus. Jacqueline Hausotte ist Mitglied in verschiedenen Gremien. Das Thema Nachhaltigkeit ist ihr auch im unternehmerischen Kontext wichtig. 2021 belegte sie den ersten Platz beim Sächsischen Gründerinnenpreis. 2024 wurde sie als Vorbild-Unternehmerin der Initiative "FRAUEN unternehmen" vom Wirtschaftsministerium für Wirtschaft und Klimaschutz ausgezeichnet.
www.jh-steingestaltung.de

Porträt: Jacqueline Hausotte
© Sandra Tetzner
Porträt: Jacqueline Hausotte
© Ricarda Kniesz
Jacqueline Hausotte und ihr Lieblingsstück, das Grabmal von Dirk Franz
© Museum für Sepulkralkultur / Stefanie Saur

 

Porträt: Dominik Patté

„Zusammen mit den Hinterbliebenen ein Zeichen für den Gedenkort erschaffen“

Meister des Steinmetz- u. Steinbildhauerhandwerks Dominik Patté im Interview

Von Stefanie Saur

Dominik Patté hat viele Gesichter: Er ist Mitgeschäftsführer des Steinmetzbetriebes Ramón und Dominik Patté GbR, Meister und Ausbilder sowie Vorstandsmitglied der Landesinnung. Manche kennen ihn als Stadtrat von Burg, ehrenamtlichen Verwalter des reformierten Friedhofs in Burg oder Leiter des evangelischen Gemeindehauses. Er ist auch Künstler des politisch-satirischen Kabaretts CAT- stairs und künstlerischer Leiter der Burger KleinKunstBühne. Und seit 2010 ist er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal (ARGE).

Was wollten Sie als Kind werden?
Als Kind war wohl Feuerwehrmann so ein Gedanke. Als Jugendlicher dann eher Schauspieler. So waren es dann zwei Herzen, die in meiner Brust schlugen und immer noch schlagen: die bildende und die darstellende Kunst. Das Hobby blieb die Schauspielerei und die satirische Kleinkunst.

Wie ging es weiter mit Ihrem Werdegang?
Ich habe in Burg das Abitur abgelegt und bin dann, da ausgemustert, sofort in die Ausbildung gegangen. In der Zeit der Lehre habe ich berufsbegleitend den Technischen Fachwirt (HWK) absolviert und nach der Ausgabe des Gesellbriefes dann recht schnell die Meisterausbildung in Teilzeit begonnen. 2006 habe ich die Ausbildereignungsprüfung als separaten ADA-Schein abgelegt. Seit dreieinhalb Jahren bin ich Mitglied des Vorstandes unserer Landesinnung und viel länger noch Sprecher des Arbeitskreises Friedhof und Grabmal der Landesinnung. Im Arbeitskreis Friedhof und Grabmal des Bundesinnungsverbandes bin ich seit 2021 dabei.

Wie sind Sie zur ARGE gekommen?
Schon im Magazin „Naturstein“ gab es immer wieder Berichte, die ich schon vor der Ausbildung las, und währen der Azubi-Zeit kam ich mit der Zeitschrift für Sepukralkultur der ARGE in Kontakt und dachte, die machen richtig gute Arbeit. Und so lag es nahe, dann auch Mitglied zu werden.

Was schätzen Sie an der Zusammenarbeit?
Die ARGE hat immer die Finger am Puls der Zeit. Wäre mehr Obacht auf die Kommentare und Hinweise der ARGE gegeben worden, so hätten einige negative Entwicklungen im Friedhofswesen wohl abgemildert oder sogar verhindert werden können. Der fachliche Austausch im Sinne der lebendigen Vereinsarbeit und die Fachliteratur sind für mich unschätzbare Bereicherungen für den Blick über den Tellerrand.

Welche Themen finden Sie hier besonders wichtig?
Tod, Trauer und Leben im Diskurs wieder miteinander zu verbinden. Darüber ins Gespräch zu kommen und Tod als Partner des Lebens zu betrachten und dementsprechenden auch Trauer und Friedhof nicht als Akt der Verwaltung zu sehen, sondern als Dienst an den Menschen.

Sie führen zusammen mit Ihrem Bruder Ramón in 2. Generation den Meisterfachbetrieb Patté Grabmal & Naturstein. Wie ist die Arbeitsaufteilung zwischen Ihnen?
Mein Bruder macht recht viel Kundenakquise und Office, ich decke einen Teil der kreativen Entwicklungsarbeit ab und zeichne für die Bildhauerei verantwortlich. Öffentlichkeitsarbeit und Netz- und Verbandarbeit liegt ebenso bei mir.

Was mögen Sie an Ihrer Arbeit besonders?
Wenn ich auf den Grabmalsektor schaue: Zusammen mit den Hinterblieben ein Zeichen zu erschaffen, dass Trauer begleiten kann und zum Symbol des Gedenkortes wird, das befriedigt schon sehr.

Auf welche Dienstleistungen Ihres Betriebes sind Sie besonders stolz?
Ich denke, wir haben seit dem Eintauchen in dem Bereich der Steinmetzarbeiten die Grabmalkultur in der Stadt und dem Umland schon wesentlich verbessert und konnten dabei behilflich sein, positive Impulse in die Verwaltung und Gestaltung von Friedhöfen zu geben. Daher sind wir wohl auf die Dienstleistung „Beratung“ von Hinterbliebenen besonders stolz.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Ihrem Betrieb?
Wir kümmern uns im Bau wie im Grabmal um die Kundschaft, die es nicht 08/15 möchte und nehmen uns der kniffligen Fälle an.

Was ist für Ihre Kunden das Besondere an Ihrer Arbeit?
Dass wir uns Zeit nehmen für die Kunden, welche es wirklich wollen und ernst meinen. Dass wir ein hohes Qualitätsbewusstsein haben und dass wir versuchen, der Kundschaft nichts von der Stange zu bieten.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft in Bezug auf Ihre Branche?
Mehr Mut zur Gestaltung und Beratung in Bezug auf den Grabmalsektor sowie mehr Engagement im Bereich Trauerkultur und Friedhofswesen.

Haben Sie ein besonderes Kundenerlebnis, von dem Sie erzählen möchten?
Bei besonderen Grabmalen bitten wir die Kundschaft nochmal zu uns in die Werkstatt zu kommen, um z. B. die Schriftaufteilung und Positionierung noch einmal am Grabmal abzustimmen. Und hier wissen wir, dass es immer zu einem besonderen Moment kommt, da die Hinterblieben dann zum ersten Mal das zuvor gemeinschaftlich geplante und entwickelte Grabmal sehen. Dies ist immer höchst emotional – was man auch aushalten muss – aber es zeigt, dass wir dann etwas richtig gemacht haben. So ist der heilsame Schmerz der Trauernden für uns in diesem Kontext dann auch eine Bestätigung, dass wir unsere Arbeit gut gemacht haben.

Unternehmensportrait
Der 1979 gegründete Meisterfachbetrieb Patté Grabmal & Naturstein wird seit 2008 in zweiter Generation von Ramón und Dominik Patté geleitet. Der Handwerksbetrieb ist im gesamten Jerichower Land, vor allem in Burg, Möckern, Gommern und Genthin aktiv. Neben den beiden Brüdern arbeiten hier noch vier Angestellte. „Wir sind ein Steinmetzbetrieb, der sich über die Jahre immer mehr auf den Bereich Friedhof und Grabmal spezialisiert hat und ebenso im Baubereich für die private Kundschaft unterwegs ist“, fasst Dominik Patté das Portfolio seines Unternehmens zusammen. www.patte-naturstein.de

 

Porträt: Pater Abraham Fischer OSB

"Ich bin ein brückenBauer - ein zwischenwelter"

Pater Abraham Fischer OSB ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal und ein echtes Universaltalent: Er ist Mönch, Priester, Metallbaumeister, FR-Metallgestaltung und Leiter der Abteischmiede Königsmünster. „Ein Theologe, der Handwerkersprache kann und ein Handwerker, der Theologensprache kann, das ist speziell. Ich bin ein Brückenbauer – ein Zwischenwelter“ – so Pater Abraham Fischer OSB. 

Von Svenja Schmidt 

Der 1966 in Hildesheim geborene Pater Abraham Fischer OSB, hat einen ungewöhnlichen Werdegang hinter sich, der Berufung und Leidenschaft miteinander verbindet. Nach dem Abitur 1985 begann er das Studium der katholischen Theologie in Frankfurt, St. Georgen und schloss dieses erfolgreich in Münster mit dem Diplom ab. Während des Studiums verbrachte er freie Studiensemester in München, bevor er 1988 die Entscheidung traf, in das Noviziat der Benediktinerabtei Königsmünster einzutreten.

Es war jedoch nicht nur der religiöse Weg, der für Pater Abraham von Bedeutung wurde. Im Jahr 1994 entschloss er sich, eine Ausbildung im Metallbauerhandwerk zu beginnen, mit dem Schwerpunkt Metallgestaltung. Diese Ausbildung schloss er 1997 mit der Gesellenprüfung ab und bildete sich in diesem Bereich stetig weiter. 2006 bestand er die Meisterprüfung vor der Handwerkskammer in Arnsberg. Heute ist er Leiter der Abteischmiede in Königsmünster, die er maßgeblich mit aufgebaut hat. Seit 1988 arbeitet er dort und bildet junge Handwerker aus, die ebenso wie er eine Berufung in diesem Handwerk finden. Die ehrenamtliche Tätigkeit in Meisterprüfungsausschuss der HWK Südwestfalen erweitert dieses Anliegen über die eigene Werkstatt hinaus.

Pater Abrahams Entscheidung, Schmied zu werden, war zunächst ein praktischer Schritt: Als er in das Kloster eintrat, waren vier Plätze für die Gartenarbeit verfügbar, die er als Jugendlicher wenig leidenschaftlich im Familienkontext ausgeübt hatte. Stattdessen wählte er die neu entstehende Schmiede als Arbeitsbereich während der klosterinternen Ausbildung zum Mönch. Es schien vorherbestimmt zu sein. „Nicht nur das Schmiedefeuer fing an zu brennen, sondern innerlich auch mein eigenes Feuer“, wie er selbst beschreibt.

Pater Abraham Fischer OSB hat sich durch seine vielseitigen Berufungen – handwerklich, theologisch und wissenschaftlich-philosophisch – ein breites und tiefgehendes Tätigkeitsfeld aufgebaut, das ihn heute in den Bereichen Friedhof-/ Kirchengestaltung, Kunsthandwerk und Beratung führt. Im Fokus seiner Arbeit steht die gestalterische und symbolische Gestaltung von Orten der Trauer und Erinnerung, insbesondere Friedhöfe und Kirchen. Friedhöfe sind aus seiner Sicht soziale Orte der Gesellschaft und aus spiritueller Sicht Orte, an denen die christliche Botschaft der Auferstehung die Menschen am stärksten herausfordert.

Ein Projekt von Pater Abraham war die Erstellung eines Glockenträgers auf dem Sundern-Friedhof in Hamm-Heessen, in dem eine Glocke aus der 2013 abgerissenen St.-Josefs-Kirche einen besonderen Platz einnimmt. Diese Glocke, die der Stadt Hamm von Dechant Wilhelm Lohle geschenkt wurde, soll als Toten- oder Friedhofsglocke erklingen und den Verstorbenen sowie den Trauernden Trost und Hoffnung spenden. Um dieses Projekt zu realisieren, eignete sich Pater Abraham die Fachkenntnisse der Glockentechnik an und arbeitete mit verschiedenen Unternehmen zusammen, um die Idee zu verwirklichen. Die Glocke und der dazugehörige Glockenturm wurden im Frühjahr 2024 eingeweiht und symbolisieren für Pater Abraham das Weiterleben eines Teils der aufgegebenen und abgerissenen Kirche und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod.

Ein weiteres Beispiel für seine Arbeit ist ein Kunstwerk auf dem von ihm gemeinsam mit dem städtischen Träger entwickelten Urnenhain auf dem Nordfriedhof in Meschede. Dort gestaltete er ein Ensemble von drei Metalltoren, die in Größe und Form variieren und die verschiedenen Phasen der Trauer symbolisieren. Das Kunstwerk nutzt die Veränderung des Cortenstahls durch Witterungseinflüsse, wodurch die Tore mit der Zeit immer stärker patinieren und sich stark von der Naturumgebung abheben. Für Pater Abraham spiegeln sich in den unterschiedlichen Abschnitten des Kunstwerks die verschiedenen Trauerphasen wider, was den Friedhof als sozialen Ort und Ort der Stille und der Nachdenklichkeit unterstreicht.

Seit 2023 ist er Mitglied im Verein Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal. Doch er begleitet das Museum schon von seinen Anfängen an. Er erinnert sich noch an seinen ersten Besuch im Museum, als er gerade das erste Grabzeichen anfertigen sollte. Die Ausstellung „Vom Totenbaum zum Designersarg“ (1993) blieb ihm bis heute in bleibender und begeisternder Erinnerung. Nachdem einige wichtige Positionen in der Klosterleitung abgeschlossen waren, hatte er wieder mehr Raum und Zeit, um neue Themen zu entwickeln und sich auszutauschen: „Es war an der Zeit, Mitglied zu werden.“ Im nächsten Jahr wird er im Rahmen der Jahrestagung und Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft einen Vortrag zum Thema „Friedhof als sozialer Ort, Gestaltung und Räume“ halten.

Möchten Sie mit Pater Abraham Fischer OSB Kontakt aufnehmen? Sie erreichen ihn unter schmiede@abteiwaren.de 

Internet: https://abteiwaren.de/schmiede/

Porträt: Pater Abraham Fischer OSB
Porträt: Pater Abraham Fischer OSB
© Pater Abraham Fischer OSB
Kunstwerk auf dem Nordfriedhof in Meschede
Kunstwerk auf dem Nordfriedhof in Meschede
© Pater Abraham Fischer OSB

 

Porträt: Gaby Menzel

Ihre Musik Soll dabei helfen, abschied zu nehmen

Gaby Menzel empfindet die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal als persönliche und berufliche Bereicherung 

Von Jan Terhaar 

Gaby Menzel gehört zu den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft, die freiberuflich tätig sind. Als Musikpädagogin gibt sie Unterricht für Klavier und Blockflöte, leitet einen Chor und bietet musikalische Begleitung für Menschen im Hospiz und auf Trauerveranstaltungen an. Wir haben uns mit ihr über ihre Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, über ihre Arbeit und über ihre Einstellung zu den Themen Sterben und Tod unterhalten. 

In der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal ist Gaby Menzel noch nicht lange Mitglied. Erst kürzlich wurde sie von einem Freund zu ihrem Beitritt überredet. „Gaby“, sagte er zu ihr, „du musst mit mir in die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal kommen“. So fuhr sie 2024 nach Kassel, um erstmalig an der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft teilzunehmen. Hier traf sie Menschen, die wie sie selbst täglich mit den Herausforderungen des Sterbens und Trauerns arbeiten. Diese Begegnungen, so erzählt sie, haben ihr viel Kraft und Bestätigung für ihren Weg gegeben. Die Versammlung bezeichnet sie begeistert als eines der Highlights der letzten Jahre.

Ihre Arbeit werde von ihrem Umfeld oft mit zweifelnden Stimmen kommentiert. Die langen Anfahrtswege, der große Aufwand und vor allem: die ständige Konfrontation mit der Sterblichkeit. Aber Gaby Menzel habe einfach Freude an ihrer Arbeit. Natürlich sei es wichtig, auf die psychische Gesundheit zu achten. So gehöre die Supervision bei ihr genauso zum Alltag wie der Ausgleich in ihrer Freizeit.

Eigentlich ist Gaby Menzel als Musiklehrerin tätig, ihre private Musikschule, das Haus der Musik in Jade, wo sie auch lebt, feiert in Kürze ihr 25-jähriges Bestehen. Am Meistersinger Konservatorium Nürnberg hatte sie Anfang der 1990er-Jahre ihr Musikstudium abgeschlossen, es folgte ein Studium der Kirchenmusik an der Musikhochschule Leipzig und ein Studium der Musikwissenschaft und Pädagogik an der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg. Qualifikationen wie zur Musiktherapie und Musikgeragogik sowie im Bereich Hospiz- und Trauerbegleitung und im Bereich Klangpädagogik ergänzten ihre Kenntnisse. Die Vielfalt verschaffte ihr das Handwerkszeug, auf das sie heute zurückgreifen kann.

Dass ihre Musikschule als außerschulischer Lernort zuletzt die Covid-19-Pandemie durchgestanden hat, ist eine Leistung, auf die Gaby Menzel merklich stolz ist. Mehrere Tage in der Woche verbringt sie mit Gruppen- und Einzelunterricht für Kinder und Erwachsene, seit Kurzem leitet sie zudem einen Shanty-Chor für Frauen. Diese Arbeit bietet stetig neue und erfüllende Herausforderungen. Insbesondere von den Auftritten ihrer Gruppe auf Dorffesten erzählt sie mit Begeisterung: „Den Bürgermeister auf die Bühne zu rufen, um gemeinsam Seemannslieder zu singen, ist eine gänzlich neue und sehr spaßige Erfahrung“.  

Vielen würde ein solcher Arbeitsalltag wohl genügen. Gaby Menzels Arbeit führt sie aber auch mehrmals in der Woche in drei Hospize in ihrer Region. Dort arbeitet sie als Musikpädagogin und -therapeutin. Neben musikalischem Geschick ist hierbei auch viel Fachkenntnis gefragt. „Ich bin da ein wenig wie ein Klinik-Clown“, erzählt sie. „Der ist auch lustig und bietet Unterhaltung, muss aber immer sehr genau wissen, wie er Dinge zu tun hat. Für mich ist das eine erfüllende Arbeit, meine Musik bekommt man nicht umsonst. Gerade als Musikerin ist es sehr wichtig und sehr schwer, den eigenen Wert festzulegen und durchzusetzen“.

Offen berichtet sie im Gespräch von ihren persönlichen Erfahrungen und Emotionen. In den vielen Kursen, die sie zum Thema Trauerbegleitung besucht hat, sei ihr eine Sache besonders aufgefallen:  gute Dozenten erzählen auch aus ihrem eigenen Leben. Diesen Grundsatz hat sie sich zu Herzen genommen. Für ein heilsames Abschiednehmen, wie sie es nennt, seien auch die persönlichen Erfahrungen der begleitenden Person wichtig. So erzählt sie uns von ihren eigenen Trauer- und Verlusterfahrungen und den körperlichen Auswirkungen derselben. In Weiterbildungen habe sie gelernt, dass Trauer körperliche Schmerzen auslösen kann. Die Musik, das zeige ihre Arbeit immer wieder, kann dabei ein sehr wertvolles Hilfsmittel sein, um Abschied zu nehmen und Trauer und Schmerz zu verarbeiten.

Möchten Sie mit Gaby Menzel Kontakt aufnehmen? Sie erreichen sie unter gabriele.menzel@ewetel.net sowie telefonisch unter 04455-948807.

Internet: https://gaby-menzel-musikschule.jimdofree.com/
Instagram: gaby.menzel.1270

 

Porträt: Plan B-Bestattungen

„Ziel ist es, Menschen mündig zu machen für Entscheidungen“

Für Anni Klostermeier und Magdalena Schwarzwald (beide 33) von Plan B-Bestattungen (Regensburg) steht die Begleitung der Menschen in ihrem Trauerprozess im Vordergrund

Von Anna Lischper

Was ist euer persönliches Verhältnis zum Tod?
Anni: Unaufgeregt, neugierig und mit einem gewissen Selbstverständnis. Der Tod gehört zum Leben dazu und ich verspüre wenig Berührungsängste mit eben diesem, eher bin ich auf viele Dinge, den Tod betreffend, neugierig.
Magdalena: Seit ich als Bestatterin arbeite, hat sich mein Verhältnis zum Tod verändert. Je länger ich mich mit ihm befasse, umso absurder finde ich den Tod. Aber auf eine friedliche Art und Weise – wenn man das so sagen kann. Auch wenn ich in meiner Arbeit fast täglich mit Tod konfrontiert bin, fühlt er sich jetzt auf einer ganz persönlichen Ebene noch weit weg an. Statistisch gesehen habe ich noch ein paar Jahrzehnte vor mir – auch wenn man nie weiß, wann es soweit ist. Aber derzeit führe ich mit dem Leben eine große Liebesbeziehung. Und das darf auch gerne noch eine Zeitlang so bleiben.

Hat euch dieses Verhältnis dazu gebracht, euch als Bestatter*innen selbständig zu machen?
Anni: Indirekt vielleicht. Schon in der Schule wollte ich ein Praktikum in einem Bestattungsinstitut machen, aber ich war allen zu jung. Und auch damals war der Wunsch mehr von einer intrinsischen Neugier getrieben, hinter die Kulissen eines Berufs zu schauen, der von Außen wenig durchschaubar scheint und nicht von der Vision, einmal selbst diesen Beruf auszuüben. Dann nahm mein Leben einen anderen Weg und ich wurde Sozialarbeiterin. Aber der Tod hat mich dennoch nie ganz losgelassen, weswegen der Master Perimortale Wissenschaften an der Uni Regensburg endlich die Chance war, sich interdisziplinär und mit Aussicht auf eine berufliche Zukunft mit den Themen Sterben, Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Während des Pflichtpraktikums beim Bestatter habe ich dann gesehen, dass Bestattung mehr sein kann, als das, was ich bisher hinter dem Berufszweig vermutet hatte, und damit wurde es auch für mich zu einer realistischen Option.
Die Aussicht auf eine derart sinnstiftende und abwechslungsreiche Arbeit in Kombination mit den unternehmerischen Anteilen und Möglichkeiten durch die Selbstständigkeit machten es für mich irgendwann zur besten und schlüssigsten Möglichkeit, meine professionelle Zukunft zu gestalten.
Magdalena: Bei mir gab es in dem Sinn keine Phase von „ich will Bestatterin werden“. Es war gleich ein „ich werde Bestatterin“. Ich studierte wie Anni Perimortale Wissenschaften und stieß auf der Suche nach einem Praktikumsplatz auf Eric Wrede, einem ehemaligen Musikmanager und jetzt Bestatter in Berlin. Mit Freunden habe ich noch einen Plattenladen in Regensburg, mache selbst Musik und habe eine Zeit lang im Kultur- und Eventbereich gearbeitet. Ab dem ersten Tag an hat es sich in Berlin sehr stimmig angefühlt. So war relativ schnell für mich klar: Ich werde Bestatterin – aber nicht in Berlin, sondern in Regensburg, meiner Lieblingsstadt und Wahlheimat, und dem Ort, an dem meine Familie und meine Freund*innen sind.

Was habt ihr denn vor dem Studium gearbeitet?
Anni: Wir sind beide im Ursprungsberuf Sozialpädagoginnen.
Ich habe in der Erwachsenenbildung hinsichtlich einer Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt, mit Familien im aufsuchenden Kontext, in der stationären Jugendhilfe und Psychiatrie gearbeitet. Ich war daher schon oft mit Menschen konfrontiert, die sich in einer akuten Krisensituation befinden, die sie scheinbar hilflos macht, wie es oft auch bei An- und Zugehörigen nach dem Tod eines Menschen der Fall ist.
Magdalena: Mein Schwerpunkt lag auf sozialer Arbeit mit dem Fokus auf Musik und Bewegung, außerdem arbeitete ich als Sexualpädagogin. Ursprünglich wollte ich in die Präventionsforschung.

Welche Ziele habt ihr aktuell vor Augen?
Anni: Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst weiterhin als handlungsfähig zu erleben, oder sie dabei zu unterstützen, wieder an den Punkt zu kommen, an dem sie selbstwirksam ihr Leben gestalten. Hilfe zur Selbsthilfe ist dabei ein zentraler Punkt und oft ist das auch jetzt so, dass es mein und unser Anliegen ist, die Menschen soweit über die Möglichkeiten eines Abschiedes aufzuklären, dass sie dann möglichst mündig für sich entscheiden können, was davon sich stimmig für sie anfühlt.
Magdalena: Mein Ziel ist es, etwas für mich Sinnvolles und Sinnstiftendes zu tun, um dann auch mal einfach Feierabend haben zu können und mich in dieser doch anstrengenden Welt entspannen zu können. Außerdem möchte ich mit meiner Arbeit einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und unseren gesellschaftlichen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer reflektieren und Räume öffnen, in denen Austausch stattfinden kann.

Ihr präsentiert euch als Ansprechpartnerinnen für ‚individuelle‘ Bestattungen. Was macht ihr anders als andere?
Anni: Natürlich gibt es Dinge, die wir anders angehen als manche anderen Bestattungsinstitute und dennoch ist es uns wichtig zu betonen, dass wir in den grundlegenden Aufgaben selbstverständlich die gleichen übernehmen, wie alle anderen auch. Der Unterschied liegt vielmehr darin, dass wir beide als Grundstudium Soziale Arbeit studiert haben und uns im Master der Perimortalen Wissenschaften weiter qualifiziert haben. Für uns steht dementsprechend die Begleitung der Menschen in ihrem Trauerprozess im Vordergrund. Obwohl wir ungern den ‚Generations- oder Geschlechterkonflikt‘ aufmachen, sind wir eine neue Generation junger Unternehmerinnen, denen soziale und ökologische Nachhaltigkeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und mentale Gesundheit im Arbeitskontext wichtig sind, um dann auch qualitativ hochwertig arbeiten zu können. Wir haben zum Beispiel nur eine geringe Auswahl an Produkten. Da können wir auch nachvollziehen, wer und wo und mit welchen Materialien arbeitet. Aber nicht nur hier ist uns Transparenz wichtig. Auch wie wir unsere Preise zusammensetzen. Unsere Preisliste ist online einsehbar.

Da findet man etwa einen Sarg für die Erdbestattung für 450 Euro. Die sind ja gewöhnlicherweise viel teurer. Wie kommt dieser Preis zustande?
Anni: Wir beziehen unsere Särge von einer Sargmanufaktur aus der Region, die zu den wenigen in Deutschland gehören, die es noch gibt. Dass der Sarg so günstig erscheint, liegt daran, dass wir die Produkte, die wir verkaufen, zu den für uns anfallenden Kosten weitergeben und unsere Dienstleistung im Grundpaket einheitlich Einpreisen.
Wichtig ist uns vor allem, dass die Menschen, die wir begleiten auf einen Blick transparent sehen können, welche Dienstleistungen und Produkte wir anbieten und mit welchen Kosten sie dafür rechnen müssen.

Neben dem klassischen Angebot eines Bestattungshauses nehmt ihr auch die Zu- und Angehörigen in den Blick sowie Menschen, die nicht akut betroffen sind.
Magdalena: Ja, es gibt etwa Veranstaltungen und Workshops, um sich in einem sicheren Raum immer wieder bewusst mit der eigenen Trauer auseinandersetzen zu können. Andererseits gibt es auch kulturelle und kreative Angebote, um sich ohne akute Betroffenheit dem Thema aus verschiedenen Perspektiven neugierig nähern zu können. Deswegen sind wir auch direkt in die Altstadt gezogen und haben uns einen Laden mit großen und hellen Fenstern gesucht. Es ist uns wichtig, dass unser Laden ein Wohlfühlort sein kann und ein Ort an dem man selbst und alles, was eben da ist, auch einfach da sein darf. Wir haben Lesungen, Konzerte, Vorträge und Workshops bei uns in den Räumlichkeiten. Außerdem bleiben auch wir dabei stets im Austausch mit anderen Disziplinen, wenn wir Expert*innen und Künstler*innen zu uns einladen – das sind oft sehr inspirierende Begegnungen.

Auf eurer Homepage habt ihr Fragen und Antworten gesammelt. In der Antwort zur Frage „Wer kümmert sich?“ steckt der Satz drin: „Sprecht am besten miteinander.“ Ist die Kommunikation etwas, das aus eurer Erfahrung oftmals beim Abschied nehmen zu kurz kommt?
Anni: Tod und Verlust betreffen die An- und Zugehörigen erfahrungsgemäß sehr unterschiedlich, bzw. fördern verschiedene Bedürfnisse und Emotionen zu Tage, die alle beim Abschied berücksichtigt werden sollen. Um das aber gelingend umzusetzen, ist eine gute Kommunikation untereinander unerlässlich.

Wie offen seid ihr gegenüber alternativen Bestattungsmethoden wie der Reerdigung?
Magdalena: Grundsätzlich stehen wir vielen innovativen Ideen offen gegenüber und freuen uns, wenn sich die Bestattungsbranche dem gesellschaftlichen Wandel entsprechend in eine diversere Richtung entwickelt. Dennoch ist es so, dass wir uns als Bestatterinnen in einem gesetzlich festgelegten Rahmen bewegen und die Formalien da oft noch nicht dem entsprechen, dass Ideen wie die Reerdigung problemlos und im eigentlichen Sinne der Idee umgesetzt werden können. Wichtig ist uns in der Kommunikation mit den An- und Zugehörigen vor allem die Transparenz und Aufklärung, dass alle Betroffenen über Vor- und Nachteile egal welcher Option möglichst umfassend informiert sind und damit die für sie passende Entscheidung treffen können.

Welche Art von PR braucht ein Bestattungsinstitut heutzutage?
Magdalena: Es gibt nicht die eine Strategie für Bestattungsinstitute heutzutage, um mit Menschen gut zu kommunizieren. Ich glaube aber, dass unterschätzt wird, wie wichtig gutes Kommunikationsdesign ist um genau diese Werte wie Glaubwürdigkeit, Authentizität und Transparenz auf den ersten Blick zu vermitteln. Wir haben uns im Gründungsprozess viel Zeit genommen und uns Unterstützung von Expert*innen geholt. Unser Vorteil: Wir hatten ein weißes Blatt Papier vor uns. Wir konnten vieles ganz neu denken. Bestehende Unternehmen weiterzuentwickeln, vor allem Familienunternehmen, ist nochmal eine andere Herausforderung. Wir helfen inzwischen auch bestehenden Unternehmen, wenn es um Umstrukturierungsprozesse geht oder auch bei Neugründungen, um mit den Bestattungshäusern herauszuarbeiten, was ihre Besonderheiten sind. Nicht jeder Laden muss auf einmal ‚hip‘ aussehen, um weiterhin gut zu bestehen.

Was inspiriert euch in Bezug auf den Beruf?
Anni: Wenn man erstmal angefangen hat, sich mit Sterben, Tod und Trauer zu beschäftigen, kann man feststellen, wie vielschichtig dieser vermeintlich nur traurige Themenkomplex ist. Tod und Sterben sind weit mehr als Traurigkeit und das miterleben zu können durch eine Arbeit, welche sich im Spannungsfeld von Pflicht/Notwendigkeit (Friedhofs- und Beisetzungspflicht in Deutschland) und individuellen Bedürfnissen in einer intimen/sensiblen Situation bewegt, ist sowohl reizvoll als auch abwechslungsreich. Im Bereich Trauerkultur bewegt sich in unserer Gesellschaft gerade zum Beispiel durch die zunehmende Abkehr von religiösen Institutionen sehr viel. Dennoch brauchen die meisten Menschen haltgebende Rituale in einer solchen Ausnahmesituation. Diesen Wandel mitzuerleben und mitgestalten zu können, betrachten wir als großes Privileg und als Aufgabe, der wir uns mit Leidenschaft stellen.

Was ist denn euer persönlicher Ausgleich zum teils schweren Beruf?
Anni: Psychohygiene innerhalb des Teams. Kommunikation und Austausch sind uns sehr wichtig und helfen dabei, Erlebtes besser zu verarbeiten. Außerdem versuchen wir auch nach unseren ersten sehr intensiven 1,5 Jahren wieder mehr Räume für Privatleben zu schaffen, in denen wir dann mit anderen Menschen und Themen konfrontiert sind. Auch eine sinnvolle Prophylaxe ist Sport. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann koche und backe ich: Stundenlang in der Küche stehen empfinde ich als überaus meditativ.
Magdalena: Als Ausgleich versuche ich Dinge zu machen, die mich ganz im Moment sein lassen, ich gehe gerne Thaiboxen oder mache andere Sportarten, die mich auf entspannte Weise zwingen, fokussiert zu sein. Außerdem schreibe ich Texte und mache eigene Musik. Und ganz wichtig sind für mich Freund*innen und Familie. Als Mutter von zwei Kindern ist das oft eine Herausforderung. Aber ich habe wirklich tolle Menschen in meinem Leben, die vieles möglich machen. Ach und backen, ja, ich backe leidenschaftlich gern.

Sie wollen mit Anni Klostermeier und Magdalena Schwarzwald in Kontakt kommen?
Sie erreichen sie unter der Telefonnummer 0941.4637 0560 sowie per Mail unter kontakt@planb-bestattungen.de

Internet: www.planb-bestattungen.de
Instagram: @planb.bestattungen

 

PORTRÄT: Thies JANKE

 

Mit ganzem Herzen beim „Friedhofsgrün“

Thies Janke ist Gärtner und Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.

Von Maja Böhme

„Es geht darum, das Grün in einem Zustand zu erhalten,
der romantisch aussieht, auf der anderen Seite aber auch gepflegt ist…“

Ganz in Grün gekleidet, bewegt er sich durch das Museum für Sepulkralkultur und dessen Garten, als wäre es auch ein Stück weit sein Zuhause: Thies Janke gehört zu den jüngsten Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal – er ist Mitglied seit 2012, seit 2018 im Vorstand und bekleidet seit 2023 das Amt des Schatzmeisters. Das Gespräch mit ihm findet im Garten des Museums statt. Auf einer kleinen Mauer sitzend, mit Blick auf die Kasseler Südstadt, sagt er: Hier ist sein absoluter Lieblingsplatz am Museum.

Nach seiner Ausbildung zum Friedhofsgärtner auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg und vier Gesellenjahren hat Thies Janke auch seinen Meister in der Fachrichtung Friedhofsgärtnerei gemacht. Im Rahmen seiner Meisterarbeit erarbeitet er ein Entwicklungskonzept für eine nachfrageorientierte Friedhofsentwicklungsplanung auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf. Nach dem Abschluss seines Meisters zieht es den gebürtig aus der Nähe von Lübeck stammenden Gärtner allmählich nach Kassel. Denn sein gärtnerischer Wissensdurst ist noch lange nicht gestillt! An der Universität Kassel studiert er deshalb im Bachelor Landschaftsarchitektur. Während seines anschließenden Masterstudiums mit Schwerpunkt Stadtplanung an der Uni Kassel wurde er vor einigen Monaten vom Museum für Sepulkralkultur angefragt, ob er sich um die Grünanlage rund um das Haus kümmern wolle: „Die Vegetation war voll im Wachstumsrausch und es war kein Gärtner da“, erinnert sich Janke. Wegen seiner persönlichen Verbindung zum Haus zögerte er nicht lange und sagte zu: „Jetzt bin ich so etwas wie der hauseigene Gärtner!“, berichtet er stolz.

Das Museum und den Verein hatte er bereits nach dem Ende seiner Meisterschule im Rahmen eines Seminars zur Grabgestaltung kennengelernt. Als er dann für sein Studium nach Kassel zog, lag für Janke auf der Hand nun durch die Nähe zum Museum auch in den Verein einzutreten. Neben dem kostenlosen Eintritt für Mitglieder reizte ihn auch der Besuch der zahlreichen Veranstaltungen. Auch die Mitgliederversammlungen selbst sieht Thies Janke als große Bereicherung an: „Hier kann ich einfach mit einzelnen Mitgliedern ins Gespräch kommen, was die für Potenziale und Möglichkeiten erkennen, die mir bisher im Zusammenhang mit Sepulkralkultur gedanklich verschlossen blieben“, so Janke.

Nicht nur die einzigartige Thematik rund um Sterben, Tod und Friedhofskultur bewegte ihn zu seinem Eintritt in den Verein. Auch die „wunderbare alte Architektur des Museums und die dementsprechend auch alten Elemente im Außenbereich“ hätten ihn schon von Beginn an begeistert. Sein Job als Gärtner am Museum sei so immer ein Balanceakt, um diese alten Elemente zu erhalten aber auch Neues zu integrieren: „Den Außenbereich in einem ordentlichen Erscheinungsbild zu erhalten, darin liegt die Herausforderung. Denn man muss immer schauen, dass es nicht zu steril draußen ist, aber auf der anderen Seite darf es auch nicht unordentlich wirken. Da stellen sich beispielsweise auch solche banalen Fragen, wie viele Veilchen auf den Treppenfugen sitzen bleiben dürfen, damit es gewollt aussieht. Es geht darum, das Grün in einem Zustand zu erhalten, der romantisch aussieht, auf der anderen Seite aber auch gepflegt ist“, beschreibt Janke seine Arbeit. Neben seiner Arbeit am Museum und seinem Masterstudium arbeitet er auch noch zwei Tage in der Woche in der Grabpflege für die Friedhofsverwaltung Kassel. Doch nicht nur beruflich beschäftigt sich Thies Janke mit Garten und Natur. So hat er den gemeinschaftlichen ländlichen Garten seiner Wohngemeinschaft im Landkreis Kassel in Zonen unterteilt. Nicht nur eine üppige Blühwiese gibt es so durch ihn in diesem Garten, sondern auch einen neu angelegten Gemüsegarten mit Kompostbereich und Apfelwiese. Es ist Thies Janke schnell anzumerken: das Grün ist seine Passion!

Maja Böhme war studentische Praktikantin im Museum für Sepulkralkultur. Sie studiert zurzeit im Masterstudiengang „Geschichte und Öffentlichkeit“ an der Universität Kassel.

Thies Janke
Thies Janke
© Nasim Mohammadi

Porträt: Michael Spengler

„Das fand ich toll, ein Leben zu übersetzen in ein Objekt!“

Steinmetz, Bildhauer und Künstler: Michael Spengler ist Vermittler zwischen Leben und Tod

Auf einem kleinen Werkstattgelände in Berlin Mitte, zwischen ausgebautem Schiffscontainer  und restauriertem Zirkuswagen hat sich Michael Spengler seinen Traumarbeitsplatz geschaffen. Hier zeichnet er mit Materialien wie Stein, Holz und Metall das Leben von Verstorbenen nach. Er erschafft in Handarbeit einzigartige Grabmale „denkwerke“, wie er sie nennt, die sich von der Masse abheben und ein persönlicher Ausdruck der Verstorbenen sein sollen. Wir haben das Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal porträtiert.

Direkt nach dem Abitur hat Michael Spengler genug von der Theorie. Er möchte etwas mit eigenen Händen erschaffen. Schlussendlich wird es die Ausbildung zum Steinmetz. Denn das Material Stein habe ihn durch seine Widerspenstigkeit schon immer fasziniert, so Spengler. 1963 in Itzehoe geboren zieht es den jungen Steinmetz nach seiner Lehre und seinem Zivildienst dann nach Turin. Hier studiert er an der „Accademia Albertina di Belle Arti“ Bildhauerei. Turin sei damals der Standort für moderne und intellektuelle Kunst gewesen, schwärmt Spengler. In der „Arte povera“ sei die Materialauswahl und Formensprache der Kunstwerke neu überdacht worden. Endlich konnte sich der junge Bildhauer in seinem Studium vom, wie er sagt, „Renaissance-belasteten“ Handwerk abgrenzen. Diese Studienzeit scheint ihn stark geprägt zu haben. Denn er merkt, dass er sich nach seinem Bildhauer-Diplom in seinen fünf Jahren als angestellter Denkmalpfleger in Ost-Berlin und selbst in der anschließenden fünfjährigen freiberuflichen Steinrestauratorenkarriere nie wirklich angekommen fühlt. Erst mit der Gründung seiner Firma „denkwerk“ im Jahr 2000 schließt sich der Kreis. Inspiriert durch einen Aufenthalt in Bern und durch den Steinmetz Roman Greub, fand Spengler nun seine Passion. Individuell gestaltete Grabsteine. „Das fand ich toll, ein Leben zu übersetzen in ein Objekt!“, erinnert er sich.

Den Firmennamen „denkwerk“ leitet Michael Spengler von dem Prozess ab, wie durch ihn Grabsteine entstehen. „Vor dem eigentlichen Werk steht ja ein längerer Prozess des Reflektierens“, also ein ausführliches Gespräch, was Spengler mit den Zugehörigen der Verstorbenen in seinem Büro im Zirkuswagen führt. Die Schwierigkeit sei es dann, aus dem vielschichtigen Leben einer verstorbenen Person die Essenz herauszuarbeiten und die dann in ein dreidimensionales Objekt zu übersetzen. Hierbei nimmt er bewusst nicht (nur) Aufträge an, die prominente und bekannte Personen betreffen. „Mich interessiert gerade der ‚Mensch von nebenan‘. Ein Mensch, der scheinbar unspektakulär gelebt hat. Dass man dann sieht, dass das ein ganz besonderer Mensch gewesen ist“, fasziniert Spengler an seiner Arbeit besonders. Dabei sehe er sich selbst in seiner Arbeit als etwas „Zwittriges“: als Handwerker, Künstler aber auch als Psychologe. Hatte er in seinen vorherigen Arbeitsverhältnissen nie wirklich „seine Formensprache“ gefunden, konnte er nun für seine denkwerke aus dem Vollen schöpfen. Hier schränkt ihn keine Stilrichtung ein.

Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal sei er 2001 genau aus diesem Grund geworden: In der Arbeitsgemeinschaft würde Sepulkralkultur als etwas ganz Anderes, etwas Vielfältiges betrachtet. Inspiriert zu seinem Beitritt hätten ihn vor allen Dingen die Zeitschriften des Vereins. „Ich entsinne mich da noch an einen Satz aus einer Zeitschrift: ‚Nehmen Sie ihren Tod persönlich!‘. Frech, aber auch irgendwie wahr!“, beschreibt Spengler den ersten Kontakt mit der Vereinszeitschrift. Für ihn sei der Verein und das dazugehörige Museum mit Bibliothek eine Verbindung aus Tradition und neuer mutiger Sepulkralkulturforschung und Vermittlung. Spengler selbst sieht sich, diese Tradition fortführend, auch als Vermittler. So baute er beispielsweise einen alten Leichenwagen zur fahrenden Galerie aus. Alte Technik und Fahrzeuge hatten ihn schon als Kind fasziniert. Auch hier beschäftigte ihn offenbar schon früh die „Aufarbeitung“ des Vergänglichen. Als er dann den alten Volvo entdeckte, war für ihn sofort klar: Das wird die Bühne für seine Kunstwerke! Durch die großen gläsernen Scheiben der sogenannten „Galerie im Schneewittchensarg“ können Interessierte nach dem Umbau nun kleine Ausstellungsstücke zum Thema Leben, Liebe und Tod betrachten. So macht Spengler mit diesem und weiteren Kunstwerken und Installationen nicht nur auf seine Firma denkwerk aufmerksam, sondern er fördert das Nachdenken der Lebenden über den Tod. Der Steinmetz, Bildhauer und „denkwerker“ fasst zusammen: „Wenn die Lebenden sich öfter mit dem Tod auseinandersetzen würden, wären sie vermutlich bessere Menschen. Die Erfahrung, dass am Ende nichts festgehalten werden kann, hilft einem, schon zu Lebzeiten großzügiger abzugeben und dem eigentlichen Sinn, den wir alle im Leben suchen, näher zu kommen.

Text: Maja Böhme

Maja Böhme ist studentische Praktikantin im Museum für Sepulkralkultur. Sie studiert zurzeit im 3. Semester den Masterstudiengang „Geschichte und Öffentlichkeit“ an der Universität Kassel.

Werkstück 1: Ein denkwerk für André Krüger

In seiner Jugend sympathisierte André mit den Ideen und Zielen der RAF. Studiert hatte er dann Psychologie. Als begeisterter Ornithologe fand er Entspannung und Frieden in der Beobachtung der Natur. Auf dem Sterbebett fasste er einen klaren und für sein Umfeld schwer enträtselbaren Entschluss: Er konvertierte zum Katholizismus. Das denkwerk für Andre Krüger nimmt Bezug auf diesen späten Wechsel zum Glauben und seinen Eintritt in die katholische Kirche. Es ist ein Kreuz aus dickem Eichenholz. Der Querbalken ist allerdings sehr kurz ausgefallen. Oberhalb des kurzen Querbalkens sind direkt ins Eichenholz zwei Nistkästen für Vögel eingearbeitet. Bald schon waren zwei Meisenpärchen in Andrés denkwerk eingezogen.

Material: Eichenholz und Messing, Ort: Friedhof an der Heerstrasse in Berlin 

Werkstück 2: Ein denkwerk für Reinhard Joseph

Reinhard Joseph war Bühnenmeister bei den Münchner Kammerspielen. Als „einer vom Schnürboden“ konnte er handwerklich eigentlich alles. Er kannte sich mit elektrischen Schaltungen aus, mit Metall, mit Holz oder mit Styropor. Sogar Wolken konnte er machen. Er kannte die Hebelgesetze und wusste, wie man schwere Dinge von oben herab auf der Bühne und durch die Luft bewegt. Als ihn die Liebe nach Berlin verschlug, kündigte er seine Festanstellung und wurde Hausmann in einer Patchworkfamilie. Er sorgte dafür, dass der Kühlschrank immer zum Bersten voll war. Er kochte gern reichlich. Seine Falafel waren legendär. Er fühlte sich für seine große Familie verantwortlich und liebte die Urlaube mit Fahrrad, Rucksack und Zelten.

Das denkwerk für Reinhard Joseph besteht aus einem Kalkstein, der in zwei Teile gebrochen wurde. Ein hoher Eisenrahmen verbindet beide Einzelteile. Mit dem unteren Stein ist der Eisenrahmen fest verbunden. Der obere Stein kann durch eine Führung im Rahmen bewegt werden. Ein Flaschenzug aus dem Theater ist mit dem oberen Stein verbunden. Zieht man an dem Stahlseil, bewegt sich der schwere Stein nach oben, dehnt die Zeit und gibt einen Spalt frei.

Idee und Ausführung: denkwerk in Zusammenarbeit mit der großen Familie;  Material: Jura- Kalkstein; Corten- Stahl, Flaschenzug und Stahlseil; aufgestellt im Oktober 2019 auf dem Georgen  Parochial- Friedhof an der Greifswalder Straße in Berlin

Beide Texte: Michael Spengler

Porträt: Henry Schuhmacher

Zufalls-Bestatter und Totentanz-Verfechter

Henry Schuhmacher ist Präsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung

Am Schlagzeug sitzend und auf dem Becken trommelnd. So würde Henry Schuhmachers Totentanzfigur aussehen. Wenn es diese gäbe, würde er sie in das Register der Europäischen Totentanz-Vereinigung aufnehmen, dessen Präsident er ist. Ein Porträt über einen Bestatter, der immer zum falschen Zeitpunkt kam.

„Ich bin ein Musikfan. Am liebsten Ostrock. Karat, Puhdys, Klaus Renft Combo, Engerling. Früher zwei Konzerte in der Woche. Heute auch noch viele, aber nicht mehr ganz so oft." Henry Schuhmacher sucht die Kultur und die Gesellschaft. Früher war er regelmäßiger Gast im Leipziger Musikclub Tonelli oder im Anker, einer soziokulturellen Einrichtung. „Ich brauche den Austausch mit den Menschen und mache mir so meine Gedanken", sagt Schuhmacher. Das habe sich bis heute nicht geändert.

Neben einem Zufall hatte ihn auch das Interesse am Kontakt mit Menschen zum Beruf des Bestatters geführt. 32 Jahre lang stellte er sich dort auf immer neue Situationen ein. „Manche Sterbefälle haben seine guten Seiten. Aber insgesamt war die Arbeit nicht immer angenehm, weil der Anlass eben kein schöner war.“ Jüngst habe er seine Firma in gute Hände abgegeben. Seine eigenen Kinder hätten die Übernahme des Betriebs nicht in Erwägung gezogen, dafür seien sie vom Arbeitspensum ihres Vaters zu sehr abgeschreckt gewesen. „24/7 und das mal 52 – da nimmt keiner Rücksicht auf dich: Der Tod ist nicht planbar, dem kann man sich dann eben auch als Bestatter nicht entziehen.“ Schuhmacher sei allerdings auch schon immer jemand gewesen, der die Herausforderung mochte. Als junger Mann drückte sich das in seinem Hang zum Leistungssport aus. Von seiner damaligen Sportlehrerin angefixt, trainierte er ab der dritten Klasse Volleyball und schaffte es bis in die dritte Liga. „Mit 14 Jahren war ich mit meinen 1,81 Metern groß, doch mit 21 dann leider zu klein.“ Nur deshalb verfolgte er die Karriere als Leistungssportler nicht weiter.

In Leipzig geboren und aufgewachsen, absolvierte er dort auch sein erstes Studium. Als Ingenieur für Gießereitechnik, ein damals noch seltener Beruf, arbeitete er viel für Künstler. 1976 ging er zusammen mit seiner Frau, die er mit 20 kennengelernt hatte, nach Dresden, lebte dort fast 40 Jahre. Nach einer Anstellung bei der Stadt Dresden studierte er in den 1980er-Jahren im Fernstudium Staats- und Rechtswissenschaften. Auch sein Sohn und seine Tochter, heute 40 und 44 Jahre alt, kamen in Dresden zur Welt und 1991 machte er sich dort als Bestatter selbständig. Das habe der Zufall so gewollt. So erzählt der 68-Jährige von einem Ausflug nach Berlin 1990. In seiner Mittagspause mit Bratwurst wurde er überrascht von Starkregen. Sich unter nahegelegenen Arkaden eines Rathauses die Zeit vertreibend schaute er sich um und stellte fest, dass sich dort gleich mehrere Bestatter befanden. In Dresden hatte es zu diesem Zeitpunkt allein ein Bestattungsinstitut gegeben. So füllte er eine Marktlücke und gründete wenige Monate später das zweite in Dresden.

Dass das Gespräch über die Endlichkeit stetig weitergeführt werden muss, brachte ihn damals auch dazu, eine Galerie zu eröffnen. Als Bestatter sei er immer entweder zu früh gekommen oder zu spät: „Besuchte ich die Menschen für Gespräche über Bestattungsvorsorge, wollten sie noch nichts davon wissen. Wenn ich als Bestatter gerufen wurde, war bereits jemand gestorben.“ Die Galerie, die er 15 Jahre lang als Hobby neben seinem Beruf betrieb, hatte auf 300 Quadratmetern eine Ausstellungsfläche und eine kleine Bar für Gespräche.

Die Galerie gibt es heute nicht mehr. Statt dort, sitzt Henry Schuhmacher heute in Kneipen und besucht Stammtische anderer Vereine, etwa solche, die am Mittelalter interessiert sind. Es ist einer seiner Wege, neue Mitglieder für die Europäische Totentanzvereinigung (ETV) zu gewinnen. 2004 war er dem Verein als Mitglied beigetreten. Während seine Frau gern tanze, habe er das Totentanz-Sujet für sich entdeckt, merkt er mit einem Augenzwinkern an. Immer schon habe er sich auf Friedhöfen besonders für die Ornamente interessiert. Auch merkt man in der persönlichen Begegnung schnell: Schuhmacher ist einer, der den Menschenkontakt schätzt und eine Gelassenheit für Austausch mitbringt. Und: er möchte das Gespräch über Endlichkeit pflegen.

Das Totentanz-Sujet sei ein guter Botschafter für die Endlichkeit: Jeder werde geholt. Zeitpunkt unbestimmt, aber sicher. „Wer sich gut auf den Tod vorbereitet, der geht leichter über das Sterben in den Tod. Und der schätzt auch seine Lebenszeit anders." Er selbst habe auch einen Prozess hinter sich, erzählt er. "Ich habe mich in den vergangenen Jahren verändert, fahre jetzt nicht mehr 180 mit dem Porsche, sondern 120 mit dem Skoda." Wer zu Lebzeiten über den Tod nachdenkt, geht mit weniger Fragen in den Tod. Damit sei auch das Sterben weniger belastet. Und wann dieses beginne, wer wisse das schon? „Das ist ja das Prickelnde daran: der Tod ist immer zeitlos, es gibt keinen festgelegten Zeitpunkt.

Über die Totentanz-Vereinigung will Henry Schuhmacher Gedanken wie diese in die Öffentlichkeit bringen. Aber sein Interesse gilt auch dem historischen Blick. Die erste Totentanzdarstellung ist 1436 überliefert worden. Wie ist der Totentanz in den Köpfen der Menschen entstanden? Wie kam er nach Europa? Was kann das Totentanz-Sujet heute leisten? Das sind Fragen, die ihn seit 2021 auch als Präsidenten der ETV beschäftigen. „Ich betrachte den Totentanz als Denkmodell für die Auseinandersetzung mit dem Tod, aber auch als Mittel zur Traumaarbeit." So könne man anhand des Totentanzes über den Ukrainekrieg sprechen und Soldaten könnten ihn nutzen, um ihre Kriegserlebnisse zu verarbeiten.

Die Europäische Totentanz-Vereinigung ist die Einzige, die sich mit dem Totentanz beschäftigt. Eine der Hauptaufgaben des Vereins ist das Führen eines Registers. Ihre derzeit 130 Mitglieder kommen aus unterschiedlichen beruflichen Bereichen, viele Künstler, aber auch Mediziner und Galeristen sind dabei und einige Mitglieder leben im Ausland. Auch der Vorstand, schwärmt Schuhmacher, komme aus unterschiedlichen Richtungen. Die Heterogenität sorge dafür, dass fruchtbarer Austausch stattfinde. „Mitglieder sind eben das Wichtigste am Verein. Ohne sie kein Dialog. Und den brauche ich." Deshalb sei er auch hinterher, regelmäßig Veranstaltungen zu organisieren: Exkursionen, Künstler-Besuche und Vorträge. 2023 fand anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Vereins eine große Tagung in der Totentanz-Hochburg Lübeck statt. Herzstück des Vereins ist die Website. Hier finden Interessierte einen großen Pool an Ausstellungen und Veranstaltungen in der gesamten Bundesrepublik – nebst dem Alleinstellungsmerkmal ETV: dem Register Europäischer Totentanz-Darstellungen in Film, Literatur, Tanz, Grafik und Musik.

Die Website werde demnächst neugestaltet. „Sie ist einfach schon sehr alt und hat den statischen Lexikon-Charakter“, sagt Schuhmacher. Künftig soll sie interaktiver werden. Schuhmacher selbst arbeite aktuell an einem Newsletter, der die Mitglieder und Interessierte regelmäßig informieren soll. Er sei als Ergänzung des Totentanz-Heftchens gedacht, das vier Mal im Jahr erscheint und in dem über Veranstaltungen, aber auch über Forschungsergebnisse und neue Totentanz-Entdeckungen berichtet wird. Die Darstellung der ETV auf den Social-Media-Kanälen sei bislang an der Manpower gescheitert. Aber auch das wird Henry Schuhmacher sicherlich auf den Weg bringen.

 

Von Anna Lischper

Sie wollen mit Henry Schuhmacher Kontakt aufnehmen? h.schuhmacher@totentanz-online.de

Porträt: Lioba Abrell

Auf der Suche nach dem inneren Licht

Lioba Abrell leistet als Steinbildhauerin und Trauerrednerin Trauerarbeit

Wenn Lioba Abrell in ihren dunklen Mantel gekleidet auf eine Trauergemeinde trifft, um Worte für einen verstorbenen Menschen zu sprechen, dann ist sie eine Exotin in der katholisch geprägten Gegend um Aitrach. Dort, unweit des Allgäus, werden freie Trauerzeremonien noch selten abgehalten. Abrell, die seit einem Jahr Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal ist, hat sich vor drei Jahren auf das Angebot von freien Trauerreden fokussiert, weil sie eine Antwort geben wollte – neben ihrer Arbeit als Steinbildhauerin und freie Künstlerin ein weiteres Glied in ihrer beruflichen Laufbahn, das sich wie selbstverständlich hinzufügte.

„Nachdem ich aus der Kirche ausgetreten bin, stellte ich mir die Frage, wie ich einmal verabschiedet werden will.“ Wie bei vielen anderen Friedhofsthemen kämen neue Bewegungen erst verzögert im Süden Deutschlands an – freie Trauerredner gibt es dort kaum, ebenso verhalten ist die Nachfrage. Als die Corona-Pandemie alle Türen zugeschlagen hatte, Galerien geschlossen waren und keine neuen Ausstellungen und Projekte geplant wurden, folgte Abrell dem Impuls, sich als Trauerrednerin ausbilden zu lassen, um anderen Menschen, die sich wie sie der Kirche abgewandt haben, eine Alternative zu bieten. „Es war die beste Zeit, um etwas zu verfolgen, was ich schon seit vielen Jahren umkreiste. Zugleich hatte ich die Befürchtung, nie als Trauerrednerin arbeiten zu können, weil ich auf Beerdigungen eigentlich immer die erste bin, die weint.“ Die Ausbildung zur Trauerrednerin knüpfte dort an. Stimm- und Sprechtraining, journalistisches Handwerkszeug zum Schreiben, psychologische Basics und solche zu Marketing und Trauerarbeit verinnerlichte sie und verband es mit ihrer wohl wichtigsten Gabe: zuhören zu können. „Die Situation, dass Angehörige und Freunde Verstorbener kurz nach dem Tod vor mir sitzen, kannte ich aus den Gesprächen zu Grabsteinen. Einen schönen Abschied mitzugestalten, fand ich schon immer etwas ganz Besonderes. Noch schöner, wenn es darum geht, einen Ort zum Trauern zu gestalten.“ Damit sie selbst für die Hinterbliebenen der Fels in der Brandung sein könne, ging es für sie im Seminar auch darum, zu lernen, „was ist meine Trauer und was ist die Trauer der anderen, was ist meine Rolle und wo kann ich den Angehörigen eine Hilfe sein“.
14 Trauerreden hielt sie 2023 – immer häufiger auch für Menschen, die sie schon einmal gehört haben und sie ebenfalls engagieren wollten. „Dass sich meine Arbeit herumspricht, macht mich stolz und bestätigt mich in meiner Arbeit.“

Die Arbeit als Trauerrednerin knüpft an ihre langjährige Erfahrung als Steinbildhauerin an. Anders als bei den Trauerreden, die sie meist für erwachsen verstorbene Menschen hält, entwickelt sie einen Großteil der Grabsteine für und mit Eltern, die ihre Kinder verloren haben – Sternenkindeltern, aber auch solche von Kindern, die sterbenskrank waren oder durch einen Unfall zu Tode kamen. Dass sie und ihr Mann Gianni Iannuzzi selbst ihren Sohn Gabriel verloren haben, sieht sie als hilfreiche Basis für das Gespräch mit anderen Eltern. „Der Gedanke daran löst in mir einen unglaublichen Schmerz aus. Aber er ermöglicht mir, mit den Eltern mitzugehen, wenn sie die Tür aufmachen und runtergehen.“ Sie und ihr Mann haben dadurch gelernt, wie fragil Leben sein kann. Und sie bezeichnet es als „irres Geschenk“, dass nach Gabriel Antonio und Marlene geboren wurden, die heute 13 und 10 Jahre alt sind.

Für die Gespräche mit den Hinterbliebenen kommt sie gern zu ihnen nach Hause. „Ich komme über den Ort dem Verstorbenen näher und bekomme ein viel besseres Gesamtbild.“ Anders als beim Schreiben und Halten von Trauerreden sei die Entwicklung eines Grabsteins eine gemeinschaftliche Aufgabe. „Hier richtet es sich nach dem Tempo der Angehörigen. Da habe ich auch schon mal gehört: Jetzt machen wir erst einmal eine Pause und im Frühling kommen wir wieder.“ Und wenn sie dann wieder an ihrem Schreibtisch sitzt, laufen ihr auch mal die Tränen. Individuelle Trauer zuzulassen und sich Zeit dafür zu nehmen, ist ihr ein Anliegen – genauso wie die persönliche Beschäftigung mit Tod und Sterben. „Diese Themen faszinieren mich schon immer und sie spielen eine Rolle bei all meinen Tätigkeiten.“

So führte die gebürtige Baden-Württembergerin ihr Interesse an den Naturwissenschaften und an natürlichen Zusammenhängen zunächst an die Universität Ulm, um Medizin zu studieren. „Ich hatte ein Bild im Kopf, wie ein Mediziner so ist. Ich dachte, ich gehe nach Afrika und rette die Welt.“ Das Bild des Mediziners stellte sich in der Realität anders dar: „Der Grundgedanke, dass man als Arzt weiß, was zu tun ist, und der dem Patienten sagt, was er zu tun hat, gefiel mir nicht.“ So war nach vier Semestern Schluss. „Gesundheit ist aus meiner Sicht etwas, an der mehrere Menschen gemeinsam arbeiten. Mir war diese Welt zu kalt und zu dogmatisch. Es gibt immer mehrere Lösungen und Sichtweisen“, sagt Abrell. Im Nachhinein sei es wohl das Interesse am Anstrengenden und Schwierigen gewesen, was sie zum Medizinstudium gebracht hat. Weil es sie anzieht – genauso wie die oft das Unbekannte begleitende Angst. „Wir sind ja nicht hier, um uns zu pampern“, sagt die 49-Jährige. Und diesen Ansatz trägt sie seit vielen Jahren mit sich. „Wer zur Angst geht, der kommt auch zur Lösung.“

1997 begann sie eine Ausbildung zur Steinbildhauerin und schloss der Ausbildung ab 2003 ein Studium an: Sie studierte Freie Kunst an der Kasseler Kunsthochschule bei Dorothee von Windheim und beendete das Studium als Meisterschülerin. In Kassel besuchte sie oft das Museum für Sepulkralkultur, fand darüber auch einen Zugang zur Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal. „Zum einen interessierten mich die Ausstellungen, zum anderen verfolgte ich gern Themen wie die Entwicklung des Friedhofs.“ Besonders spannend findet sie die Anknüpfung an die Forschung durch das Zentralinstitut für Sepulkralkultur. „Das ermöglicht, immer aktuell zu sein.“ Auch Lioba Abrell forscht – allerdings weniger wissenschaftlich, als mehr im Sinne des Nachforschens. Denn über die Beschäftigung mit dem Friedhof und ihre künstlerische Auseinandersetzung mit den Themen Trauer, Tod und Bestattungskultur resultierte auch eine erste Anfrage für eine Gestaltungsarbeit auf dem Aitracher Friedhof. „Der ganze Prozess dauerte länger als sich das der Bürgermeister vorgestellt hatte, aber wenn es um Friedhofsgestaltung geht, finde ich es wichtig, dass alle Bedürfnisse gehört werden.“ So fand sie im Team mit anderen Fachleuten neue Beisetzungsangebote für den traditionellen Friedhof: eine individuelle Alternative zu anonymen Bestattungsfeldern etwa und ein Grabfeld für Sternenkinder. „So gesehen begleite ich die Entwicklung des Friedhofs im Kleinen. Auf dem Friedhof ist so vieles möglich – so lange die Veränderung mit Würde passiert und sie den Menschen guttut.“ Aktuell begleitet sie die Entstehung von zwei Sternenkind-Grabstellen in Isny und eines Denkmals für ein anonymes Grabfeld in Heimertingen.

Die Arbeit als freie Künstlerin ist für Lioba Abrell eine wichtige Ergänzung. „Wenn ich grummelig werde, weiß mein Mann, dass er mich ins Atelier schicken soll“, sagt sie schmunzelnd. „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“ sind Fragen, die sie auch als Künstlerin beschäftigen. Das Durchdringen des Unbekannten, das sich der Angst Stellen sind Dinge, die sie anziehen und für die ihr das Materielle eine weitere Möglichkeit der Auseinandersetzung gibt. Stein, Pflanze, Tier, Mensch – Lioba Abrell ist sicher, dass alles, was mit Natur zu tun hat, untereinander verwandt ist. Daher schaut sie nicht nur bei Menschen in das Innere und kehrt es mit Worten nach außen. Sie sucht auch in Material wie Stein nach dem Licht im Inneren und erforscht anhand von Naturmaterialien das Verhältnis von Innenraum und Grenze, Tod und Leben. Wer ihre Skulpturen betrachtet, sieht oftmals nur noch die Schale. Zu ihren auffälligsten künstlerischen Arbeiten gehören ausgehöhlte Steine – auch dies ein Versuch, ins Innere vorzudringen. Einmal habe sie die ausgehöhlten Steine nachträglich mit Luken versehen: „Sie kamen mir einfach zu nackt vor.“ Für Lioba Abrell ist es klar, dass, wer sich öffnet, auch verletzbar ist. Es ist ihre Profession, sorgsam damit umzugehen.

 

Wollen Sie mit Lioba Abrell ins Gespräch kommen?

Email: info@liobaabrell.de
Im Internet: www.liobaabrell.de; www.trauerrednerin-abrell.de; www.grabmale-abrell.de

Porträt: Melanie Torney

Über den Tellerrand auf den Friedhof

Projekte sind das Spezialgebiet der Diplom-Designerin und Prozessbegleiterin Melanie Torney

 

Über den Tellerrand gucken, beobachten, Räume für Ideen entwickeln – das ist Melanie Torneys Strategie, die sie täglich verfolgt. Die 46-Jährige ist Projektleiterin auf dem Ohlsdorfer Parkfriedhof, studierte Designerin und im Mai 2023 wurde sie in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal gewählt. Ein Porträt.

Seit Juni 2019 verantwortet die Wahlhamburgerin, die in Solingen (Bergisches Land) aufwuchs und lange in Köln lebte, als Projektleiterin den komplexen Transformationsprozess »Ohlsdorf bewegt!« bei der Hamburger Friedhöfe AöR. In diesem Kontext begleitet sie strategisch, operativ und kommunikativ die Umwandlung von Friedhofs- in Parkflächen. Sie entwickelt Beteiligungsformate, setzt Beteiligungsprojekte um und verantwortet die Kommunikation der Aktivitäten mit den angrenzenden Stadtteilen sowie mit den gesellschaftlichen und politischen Akteur*innen. Zu ihren Aufgaben gehört es zudem, den Veränderungsprozess in die Organisation hinein zu steuern. In dieser Rolle ist sie auch Ansprechpartnerin für Akteur*innen, die den Parkfriedhof mit ihren Projektideen beleben wollen. „Ich gestalte hier einen Rahmen, in dem alle, die es betrifft, miteinander in Kontakt und Fokus kommen und Vereinbarungen treffen können.“ Dabei geht es ihr nicht darum, fertige Lösungen überzustülpen, sondern den Nährboden für Ideenentwicklung zu schaffen. Torney sagt, sie begleitet ergebnisoffene Prozesse – eine facilitative Grundhaltung, die es aus ihrer Sicht dafür braucht, bringt sie mit. Wesentlich fürs Gelingen ist es, das ganze System abzubilden und im Vorfeld eines Prozesses zu überlegen, wer alles dabei sein muss, damit es gelingt: „Macht es etwa Sinn, einen Hausmeister einzuladen, weil er ein spezifisches Fachwissen hat? Oder Stellvertretende bestimmter Nutzergruppen?“

Startschuss der Nutzung der „ausgemusterten“ Kapelle DREI war während der Pandemie die benachbarte Grundschule, die die großzügigen Räume für ihren Theaterunterricht genutzt hat, als große Räume aufgrund der Abstandsregeln rar waren. Es folgte eine Ausstellung eines Künstler*innen-Kollektivs um Xiyu Tomorrow aus Hamburg-Wilhelmsburg zum Thema Trauern in Zeiten von Corona. Ein weiteres Highlight war die Trauer-Druck-Werkstatt der Hamburger Designerin Petra Saborny, bei der Jung und Alt eingeladen waren, ihre Trauer künstlerisch auszudrücken und mittels des Riso-Druckverfahrens, direkt auf hochwertigem Papier umsetzen zu können. Zudem finden bis heute regelmäßig Yoga-Kurse in der ältesten Kapelle des Ohlsdorfer Friedhofs statt. Über ihren ganz besonderen Arbeitsort sagt sie: „Ich liebe es, von der belebten Hauptstraße am Verwaltungsgebäude ins Vogelgezwitscher und Grün abzutauschen. Dann bin ich in einer anderen Welt, in der ich zur neugierigen Erkunderin werde: Was ist das für ein Stein? Wie wurde dieses Grab gestaltet?“ Das Besondere an Ohlsdorf sei, dass er zunächst wie ein großer, schöner Park wirke. „Und dann kommt plötzlich ein Trauerzug vorbei.“

Während zu Beginn ihrer Tätigkeit, der übrigens auch schon die freiberufliche Betreuung verschiedener Kommunikationsdesignprojekte für OHLSDORF – DER PARK voranging, pandemiebedingt die meiste Arbeit aus dem Homeoffice passierte, hat Torney mittlerweile ein Parkbüro in der Kapelle DREI. Der Vorteil: Hier können auch zufällige Kontakte entstehen. „Unsere Räume hier stehen grundsätzlich erst einmal allen offen und alle Anfragen werden geprüft.“ Fußballturnier auf dem Friedhof? Eher nicht. Bei Qi-Gong sieht das schon wieder anders aus. Bei der Prüfung stellt sich Torney auch immer die Frage, wo auf dem Friedhof ein guter Ort für eine Veranstaltung ist und bringt die Terminplanung in Einklang mit anstehenden Bestattungen. Seit Sommer 2022 verstärkt ein weiterer Mitarbeiter das Team: Fred Finzel „gute Seele der Kapelle“, betreut die Nutzer*innen – ein Zeichen für den Zuspruch, den Ohlsdorf als Ort für Kultur und Austausch bekommt.

Ihre fachliche Expertise im Kontext Workshop-Moderation sowie die professionelle Begleitung von Großgruppen und Prozessen bekam sie unter anderem durch die Ausbildung als Facilitatorin an der Facilitation Academy Berlin. Dass Melanie Torney einmal die Transformation des größten Parkfriedhofs der Welt begleiten wird, war nicht abzusehen, deutete sich allerdings auf unterschiedlichen Ebenen an. Nach ihrem Fachabi hatte sie 2002 bis 2007 den interdisziplinär ausgerichteten Studiengang Design an der Köln International School of Design (FH) studiert. Das an dem interdisziplinären Konzept des Bauhaus ausgerichtete Studium beinhaltete neben Produkt- und Kommunikationsdesign u.a. auch ökologische und philosophische Lehrgebiete. „Das ‚out of the box-Denken‘ des Studiums beeinflusst noch heute meinen Arbeitsprozess.“ Ihre Examensarbeit war ein Buch über den Tod. „Ich hatte im Freundeskreis viele Erfahrungen gemacht mit Krankheit, Tod und Trauer. Der Vater einer Freundin verstarb und ich sah die Hilflosigkeit der Menschen in dieser Situation. Und das brachte mich zu der Frage: was kann ich als Designerin tun, um in so einer Situation zu empowern?“ Wie läuft eine Bestattung ab? Was ist ein Hospiz? Muss ich mich auf der Beerdigung Schwarz kleiden? Ihre Recherche brachte sie auch in das Museum für Sepulkralkultur. So entstand ein Buch, in dem man durch verschiedene Themenwelten flanieren kann. „Es ist eigentlich vielmehr eine Ausstellung gewesen, als ein Buch.“ Seitdem sind die Themen Sterben, Tod und Trauer Herzblutthemen.

Schon während der Recherchephase zu ihrer Examensarbeit hatte sie als „Kommunikationsdesignerin mit Papierleidenschaft“ mit ihrem Partner die Edition ANFANG ENDE gegründet: für zeitgemäße, alternative Papeterieprodukte von der Trauerkarte bis zur Kondolenzmappe. Alternativ im Sinne, dass Trauernde aus ihrer Sicht Freiraum zur individuellen Gestaltung brauchen, um die Trauer auf eine für sie stimmige Art und Weise auszudrücken. Vor einem halben Jahr hat sie die noch übrige Lagerware der Trauerkartenkollektion aus Gründen fehlender Zeit an einen Benefiz-Laden übergeben. Jetzt konzentriert sich das Angebot der Edition ANFANG ENDE auf Kondolenzkarten, individuelle Anfertigungen für die Trauerkommunikation und Workshops für Unternehmen.

Außerdem gründete Melanie Torney das Netzwerk Trauerkultur mit. „Ich hatte den Eindruck, dass man mit Veranstaltungen Raum für echten Dialog geben kann.“ So entstanden u.a. Kooperationen, mit alternativen Bestatter*innen sowie Hamburger Museen, Institutionen und Gastronom*innen. Ziel der Veranstaltungen war es, auch kontroverse Themen anzubieten. Bis Ende 2018 betreute sie auch das Death Café in Hamburg – ein weltweit angebotenes, unkommerzielles Veranstaltungsformat, das von jungen bis hochbetagten Menschen besucht wurde. Hier kamen Interessierte, Betroffene und Expert*innen ungezwungen und – je nach Belieben – vertrauensvoll oder oberflächlich miteinander in den Austausch rund um die Themen Sterben, Tod und Trauer. „Es ist mittendrin im Leben und niedrigschwellig, offen für alle, die sich ungezwungen mit dem Thema auseinandersetzen wollen.“

Es ist wohl auch die Lust, gemeinsam etwas Gutes zu schaffen, sei es einen Rahmen für Austausch über die Endlichkeit oder eine Plattform, auf der individuell getrauert werden kann, die Melanie Torney vor einigen Jahren dazu gebracht hat in das Netzwerk Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal einzusteigen. „Ich mag das Museum und den Austausch auf der Friedhofsverwalter*innen-Tagung.“ Aus ihrer Mitgliedschaft sind zahlreiche Kontakte entstanden. Im Mai 2023 wurde Torney als Beisitzerin in den Vorstand gewählt. Und was macht die Diplom-Designerin und Prozessbegleiterin in ihrer Freizeit? Radfahren mit der FLINTA-Rennradgruppe des FC St. Pauli – stadtauswärts am Hamburger Deich entlang durch die Vier- und Marschlande. Und ins Kino gehen, lesen: „am liebsten Dramen und Tragödien“.

 

Von Anna Lischper

Porträt: Johannes Twielemeier

Erinnerung in Fotografie und Stein

Steinmetz und Fotograf Johannes Twielemeier seit 25 Jahren Mitglied der Arbeitsgemeinschaft

Ein gefliester Raum mit Waschbecken, die Ansicht eines leeren Flures mit vielen Türen, Bilder einer besonderen Architektur. Johannes Twielemeier wird von Un-Orten angezogen. „Von Orten, zu denen andere Fotografen gar nicht erst hinfahren“, sagt er. „Mich interessiert eher der Stadtrand als das Zentrum, und Orte, denen man ansieht, dass Zeit vergangen ist.“ Vergänglichkeit, Verlassenheit, Vergessenheit – das sind Themen, die den 1960 in Westenholz geborenen Fotografen seit jeher interessieren. Und im weitesten Sinne auch der Tod.

Im November erscheint ein Bildband mit Fotografien des Aachener RWTH-Krankenhauses. Auslöser war eine Fotoausstellung zum Jubiläum, für die Fotografen das Haus mit anderen Augen sehen sollten. „Meine Bilder deuten nicht auf ein Krankenhaus hin. Ich thematisiere das Gebäude und dessen Architektur und habe mich dafür komplett freigemacht davon, dass ich ein Krankenhaus fotografiere." Hört man Twielemeier zu, wie leidenschaftlich er von seinen bisherigen Fotoprojekten erzählt, glaubt man kaum, dass er die Fotografie seit einigen Jahren im Standby-Modus betreibt. Sein Hauptberuf ist Steinmetz & Bildhauermeister.

Als es damals nach der Schulzeit darum ging, einen Beruf zu lernen, fasste er zunächst den Plan, Fotograf zu werden. Doch die Zeiten in der Dunkelkammer schreckten ihn bei einem Praktikum ab. So schlug er das Branchenbuch auf, um nach Ausbildungsbetrieben für das Holzbildhauer-Handwerk zu schauen. „Holz und Stein lagen direkt nebeneinander. Also rief ich einfach mal bei einem Steinmetzbetrieb an.“ In der Ausbildung sei er viel zu freidenkend unterwegs gewesen. „Für den Meister war ich eine Nervensäge.“ Er zog die dreijährige Ausbildung durch und entwarf 1986 erstmals einen Grabstein. Sein Onkel Anton starb und die Familie ließ ihm freie Hand in der Gestaltung. Das Ergebnis war ein Stein, „der in Grundzügen schon so war, wie ich heute arbeite. Mit einer langen Phase des Entwerfens und Unmengen an Skizzen“. Heute steht der Stein auf dem Bauernhof seines Bruders in Westenholz.„Immer wenn ich meinen Bruder besuche, sehe ich auch den Stein, der mein Erweckungserlebnis war“, weiß Twielemeier heute. „Ich sagte ja zum Bildhauerhandwerk, aber auch ja zum Künstler.“ Woher sein Hang zum Grabmal kommt, kann er sich nicht erklären. „Aber das Thema Tod interessiert mich schon immer, in der Kunst, in der Literatur, im Film und in der Musik.“

Nach der Ausbildung war für ihn klar, dass er ein Studium bräuchte, um sich weiterzuentwickeln. Aus finanziellen Gründen arbeitete er allerdings zunächst mehrere Jahre in verschiedenen Werkstätten in Hamburg, Paderborn und Freiburg. Auch dort wurden seine Ideen meist als Flausen bezeichnet. Ein Zuhause für seine Ideen fand er schließlich nach der Meisterprüfung an der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg in Aachen, wo er seinen Abschluss als Meisterdesigner machte. „Das Studium hat mir so viele Fragen beantwortet und meine künstlerische Perspektive wurde dadurch eine völlig andere.“ Dem Grabstein blieb er treu und erntete dafür Sätze wie „Du immer mit deinen Grabsteinen. Du kannst ja ganz andere Sachen machen.“ Seine Examensarbeit: Eine Urne aus Stein. „Diese Urne hat so viel in Frage gestellt – durchgesetzt hat sich die Idee aber nicht.“ Seine Examensarbeit sei es schließlich gewesen, die ihn auch mit dem Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur in Kontakt brachte. Viele Stunden verbrachte er in der hauseigenen Bibliothek, und „kopierte fleißig“.  Er lernte den damaligen Direktor Rainer Sörries kennen – ein Kontakt, der bleiben sollte.

Nach dem Studium arbeitete er zehn Jahre lang als Steinmetz und Bildhauermeister in Aachen, begann parallel, sich als Dozent an der Akademie für Handwerksdesign in den Fächern plastisches Gestalten und Fotografie um den Nachwuchs zu kümmern, der er selbst einmal war. Er merkte, dass ihm diese Arbeit wichtiger ist, als das Angestelltendasein und machte sich letztlich 2009 mit einer eigenen Werkstatt selbständig.

„Ich soll erzählen? Wieso? Ich möchte doch nur einen Grabstein aussuchen.“

Vor wenigen Tagen kam ein Kunde zu Johannes Twielemeier ins Büro und fragte nach Beratung. In seiner etwas entlegenen Werkstatt ist Laufkundschaft eher selten. „Er erzählte erst einmal eine halbe Stunde davon, was er schon alles erlebt hatte. Dass ihm bislang keiner der Kollegen zuhörte, er sich unverstanden fühle. Ich machte mir während des Gesprächs Skizzen auf der Skizzenrolle und ließ ihn erzählen. Nach einiger Zeit sagte er: ja, genauso habe ich mir das vorgestellt.“ Zuhören, zwischen den Zeilen lesen, sensibel und empathisch – das ist Twielemeier wichtig. So vergehen vom ersten Gespräch mit den Hinterbliebenen bis zum fertigen Stein schon mal vier bis fünf Monate. In seinem Büro werde viel geweint, aber auch viel gelacht. Er lockt Erinnerungen heraus, lässt sich Bilder zeigen. „Der Körper, aber auch der Beruf, alles fließt in das Grabmal ein, damit es etwas vom Wesen des Verstorbenen wiederspiegelt.“ Er stellt den Menschen in den Fokus und wird auch schon im ersten Gespräch mit Angehörigen persönlich. „Das lässt nicht jeder zu. Ich habe auch schon gehört: Meine Oma war zwei Mal geschieden, aber was spielt das jetzt für eine Rolle?“

40 bis 50 Steine fertigt Twielemeier mittlerweile im Jahr für Menschen in ganz Deutschland. Seine Dozentenstelle an der Aachener Akademie hat er in diesem Jahr beendet. Mit ihm verabschiedet sich ein Dozent, dem es stets wichtig war, auf Augenhöhe mit den Studierenden zu sprechen, sie in ihrem freien Denken zu unterstützen und ihnen das weiterzugeben, was er selbst als junger Mensch oftmals vermisste.
Der Erfolg, den ihm sein eigener Hang zum Freidenken gebracht hat, beweisen die vielen Auszeichnungen, die er mittlerweile für seine Arbeiten erhalten hat. Zuletzt bekam er beim Gestaltungswettbewerb Grabzeichen des Landesinnungsverbands Baden-Württemberg erneut die Gold / Silber und Bronzemedaillen für seine eingereichten Grabzeichen.

Der Stein und die Fotografie. Während sich der Steinmetz Johannes Twielemeier als Dienstleister versteht, sucht der Fotograf die künstlerische Freiheit. Wenn er auch nicht mehr so häufig mit der Kamera unterwegs ist, wie noch vor einigen Jahren – die Fotografie bleibt ein Teil seines Ausdrucks. Auch hier hat er sich entwickelt. „Der Reiz am Fotografieren hat mit Festhalten zu tun. Aber mein hardcore-dokumentarischer Ansatz hat sich verändert. Objektive Dokumentarfotografie gibt es nicht.“ 2010 hatte die Ausstellung „Orte ohne Wiederkehr“ im Museum für Sepulkralkultur seine Fotografien gezeigt, die im Zuge der Erweiterung des Braunkohletagebaus Garzweiler entstanden waren. Zwischen 2000 und 2009 war er einmal im Monat in die vom Abriss bedrohten Dörfer gefahren und fotografierte. „Alles musste weg. Die Menschen, die Betriebe, selbst die Friedhöfe zogen um. Tote wurden exhumiert und mit Umbettungssärgen auf neue Friedhöfe verfrachtet.“ Was blieb, waren verlassene Häuser, leere Straßen, umgegrabene Friedhöfe - eine Landschaft in Agonie.

Neben seiner künstlerisch fotografischen Verbundenheit zum Museum für Sepulkralkultur befinden sich dort auch Steinarbeiten: Zwei Arbeiten von ihm wurden in die Sammlung aufgenommen. „Zeigen und Bewahren“, eine Urne aus Stein mit bootsförmigem Unterteil aus Baumberger Sandstein sowie die Arbeit „Die Totenstadt“ aus Anröchter Dolomit, die 2010 für die „Orte ohne Wiederkehr“ Ausstellung entstanden ist. Für die Treue zur Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. bekam er dieses Jahr auch das Ehrenzeichen für 25 Jahre Mitgliedschaft, das Bildhauer und Steinmetzmeister Hermann Freymadl aus Gernsheim gestaltet hat. Twielemeier räumt ein, er sei ein eher passives Mitglied, aber suche doch immer mal wieder den Kontakt, regelmäßig etwa zum stellvertretenden Direktor Gerold Eppler, der ja auch ein Steinmetz-Kollege ist.

Mit dem Tod beschäftigen, ja, aber dann auch richtig leben. Mit seinem Royal Enfield Motorrad etwa, das er sich jüngst gekauft hat, durch die Eifel fahren. In den entlegenen Dörfern und ursprünglichen Landschaften entsteht seit etwa einem Jahr ein neues Fotoprojekt. Motorrad hin oder her – seine Indie-Rockband-Zeit hat er lange hinter sich gelassen: das Schlagzeug ist seit Jahren eingemottet. Vor Kurzem hat er sich das neue Lana del Rey-Album gekauft. Im ersten Moment passt das doch irgendwie auch besser zu dem Mann, der Steinen menschliches vermacht und verlassenen Orten mit Fotografien ein Denkmal setzt.

Anna Lischper

Wollen Sie mit Johannes Twielemeier ins Gespräch kommen?
Hier ist sein Kontakt: Mobil: 0176 82199506; E-Mail: johannes.twielemeier@gmx.de
www.johannestwielemeier.de

Steinmetz mit Passion: Johannes Twielemeier
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