1. Januar 2026
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Im Dschungel der Scheintüren

Neues Online-Seminar „Wie erkläre ich Kindern einen Friedhof?“ soll Barrieren abbauen

Kreuze, Grabsteine, Friedhofsordnung – ist der Friedhof ein Ort für Kinder? Wer den Ort gezielt mit Kindern erkundet, der kann damit Türen öffnen. Die Landschaftsplanerin Dagmar Kuhle und der Museumspädagoge Gerold Eppler verknüpfen jetzt ihr Knowhow in einem neuen Seminar, das Erwachsene zu Vermittlungsarbeit auf dem Friedhof befähigen soll. Wie erkläre ich Kindern einen Friedhof? Kinderführungen auf Friedhöfen schließt eine weitere Lücke im Fortbildungsprogramm der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal.

Der Friedhof ist längst nicht mehr nur ein Ort, an dem Verstorbene beigesetzt werden und an dem ihrer gedacht wird. Längst ist er auch zu einem Ort geworden, der Erholung verspricht, an dem Menschen gern spazieren gehen – sei es, um in sich zu kehren und die Ruhe zu genießen. Doch ist ein Friedhof auch kindgerecht? „In Begleitung eines Erwachsenen ist kein Kind zu jung für einen Friedhofsspaziergang“, sagt Gerold Eppler. Aber: „Der Friedhof ist ein besonderer Ort, der sich anhand verschiedener Dinge vom Umfeld unterscheidet. Es ist zum Beispiel ein leiser Ort, da auf die Trauernden mit ihren Bedürfnissen Rücksicht genommen wird. Aber natürlich ist der Friedhof auch ein Ort für die Toten und das ist für Kinder sehr abstrakt“, ergänzt Kuhle. Deshalb brauche es jemanden, der ihnen Dinge erklärt und sie so heranführt.

Wie passt die Ordnung eines Friedhofs zum eher wilden und lebendigen Kindsein? Erst einmal gar nicht, sagen Eppler und Kuhle. Genau vor diesem Hintergrund sei es spannend, diesen Ort zu erkunden. „Es ist ein öffentlicher Ort, der aber wie ein Schulhof oder Schwimmbad geprägt ist von einer ganz eigenen Ordnung und damit zusammenhängenden, speziellen Verhalten. Da gibt es zum Beispiel Spaziergänger, die sich etwas seltsam verhalten, eher ruhig und langsam sind und vielleicht weinen. Wo kann ich laufen? Wo sind hier Grenzen? Wo darf ich drauftreten und wo nicht? Das kann man lernen“, ist Dagmar Kuhle sicher. In der Ordnung sieht die Landschaftsplanerin, die regelmäßig Gruppen, darunter auch Familien über Friedhöfe führt, einen Vorteil: „Mit der Ordnung des Friedhofs bekommt man auch Sicherheit an die Hand. Gibt es klare Regeln, weiß man, wie man sich verhalten muss. Das gibt Sicherheit. Die Grenzen an diesem Ort sind gesteckt: Man weiß genau, bis wohin man gehen darf und wo klare Grenzen gezogen sind.“

Die Aspekte, über die man mit Kindern auf dem Friedhof ins Gespräch kommen kann, sind vielfältig. So würden etwa Scheintüren einen guten Anlass bieten, über Grenzen zu sprechen. „Manche Grabstätten darf man betreten, andere sind einfach private kleine Gärtchen. Dann gibt es da etwa Scheintüren. Die Lebenden können nur bis zur Tür gehen und dahinter beginnt etwas Neues. Das bietet Anlass, zu fragen, was denn dahinter ist. Die verstorbene Person? Es ist etwas hinter einer Tür verschwunden, wo man selbst nicht hinkann, aber da geht etwas weiter.“

Auf vielen Gräbern stehen Figuren, die besonders kleinere Kinder zum Anfassen einladen. „Ohne diese Figuren anfassen zu müssen, könnten diese aber ein Anlass sein, über das zu sprechen, was mitgebracht werden kann auf den Friedhof. Warum stellen die Menschen Engel auf das Grab? Wieso legen sie Blumen ab?“ So wäre es etwa denkbar, gemeinsam schon am Eingang zu besprechen: Zwar wolle man heute kein konkretes Grab besuchen. Aber man werde gemeinsam eine Blume ablegen. „Da würde ich direkt in die Gruppe fragen, wer das denn gern machen möchte“, sagt Kuhle. Über diese sinnliche Erfahrung, die etwas mit Anfassen zu tun hat, könnten Berührungsängste abgebaut werden.

Und schließlich sind es vor allem die älteren Kinder, mit denen man auch über Symbolik sprechen kann. Scheintüren, Kreuze, Engel, all das sind Symbole, über die man ins Gespräch kommen kann. Je nach Alter können Kinder auch schon etwas mit Symbolen anfangen und selbst etwas erzählen. „Da steht man zum Beispiel vor einem Grabstein, auf dem ein Bauer zu sehen ist, der Samenkörner auf einem Feld auswirft. Das wäre ein guter Anlass, um über die Bedeutung zu sprechen. Über das Korn, das tot ist und aus dem heraus aber wieder Leben entsteht.“ Kuhle weist auch darauf hin, dass der Friedhof kein Ort ist, an dem man nichts anfassen darf. Grabsteine oder Blumen könne man durchaus anfassen und so eine Verbindung schaffen.

Der Friedhof sei ein außerschulischer Lernort, betont Eppler. „Religion, Geschichte, Kunst und Biologie – der Friedhof hat viel Unterrichtsmaterial zu bieten.“ So könne man den Fokus einer Entdeckungsreise etwa auf historische Grabstätten und Kriegsgräberstätten richten. Architektonische, bildhauerische und volkskundliche Aspekte machen Friedhöfe hingegen für den Kunstunterricht interessant. Ein Stichwort, das gerade jüngere Kinder anspricht, sind Pflanzen und Tiere. „Die Biodiversität der Bestattungsplätze ist ein großes Thema und wer genau hinschaut, sieht, dass das Spektrum an Entdeckungen nahezu unendlich ist“, sagt Eppler. Stichwort: Natur im Stadtraum. Besonders spannend seien vor diesem Hintergrund die Parkfriedhöfe wie Hamburg Ohlsdorf oder Grabanlagen, die nicht mehr der ständigen Pflege durch Friedhofsgärtnereien unterliegen. Sondern wo sich Wildnis ausbreitet. „Da ist es nicht übertrieben, Kinder zu Forschern einer Art Dschungelexpedition zu machen – ohne die Bedeutung des Ortes als Begräbnisplatz aus den Augen zu verlieren, versteht sich.“ Dagmar Kuhle führt das Beispiel an, dass es nicht zuletzt die Geschichten sind, die für den Friedhof als Ort begeistern können. Etwa die der Fürstin Gertrude von Hanau und zu Hořowitz, deren Grab auf dem Kasseler Hauptfriedhof zu entdecken ist.

In dem dreistündigen Online-Seminar nehmen die Teilnehmenden eine Doppelrolle ein. Zum einen die des entdeckenden Kindes und zum anderen die Rolle des Vermittlers. Es gehe dabei um einen idealtypischen Spaziergang über den Friedhof: „Wo kann man Stopps einlegen, worüber kann man sprechen? Dazu gibt es ein paar Tipps. Etwa empfehlen wir, sich zunächst hinter dem Eingangstor zu versammeln und zu fragen, wer denn schon mal auf dem Friedhof war. Auch, dass man die Kinder nach vorn holt und aktiv einbindet.“ Denn darum geht es letztlich: Kinder einzubinden. „Und wer Kindern Fragen zur Endlichkeit des Lebens stellt, der bekommt manchmal ganz erstaunliche Antworten“, sagt Gerold Eppler. „Die Berührungsängste“, sagt der Museumspädagoge, liegen meist bei den Erwachsenen.

Das erste Online-Seminar zum Thema findet am 4. Februar 2026 statt. Innerhalb der drei Stunden gibt es einen fiktiven Friedhofsspaziergang über den Kasseler Hauptfriedhof.
Anmeldungen sind noch möglich!

Kontakt

Ines Niedermeyer
Telefon: 0561 918 93 40
niedermeyer@sepulkralmuseum.de

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