10. September 2026
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„20.000 Vorsorgewünsche haben wir gespeichert“

Stefan Brunner von Grün Stadt Zürich

Stefan Brunner von Grün Stadt Zürich über Freiheit und Bedürfnisse im Bestattungswesen

In der Schweiz ist das Bestattungswesen seit dem 19. Jahrhundert kommunal geregelt. Das lässt Kommunen einen großen Spielraum. So kann sich, wer in Zürich lebt, kostenlos beisetzen lassen. Und die Asche kann nach Belieben im eigenen Garten oder auf dem Berg verstreut werden. Wir sprachen mit Stefan Brunner von Grün Stadt Zürich über die Freiheit der Beisetzung und wie die Menschen sie annehmen.

In Zürich ist es erlaubt, die Urne mit nach Hause zu nehmen oder die Asche etwa im eigenen Garten zu verstreuen. Wie viele Menschen machen davon Gebrauch?
Wir gehen davon aus, dass es zwischen 15 und 20 Prozent sind, die nicht auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe finden. Wir wissen natürlich nicht, wo die Urne am Schluss verbleibt. Sie kann auch zwei Jahre auf dem Kamin stehen und dann in einen Friedhof kommen, etwa, wenn der Partner oder die Partnerin verstirbt und man gemeinsam beigesetzt werden will.

Warum wollen die Menschen denn die Asche bei sich haben?
Das ist nicht systematisch abgefragt worden. Obwohl wir die kostenlose Bestattung im Kanton Zürich haben, gibt es natürlich trotzdem noch gewisse Gebühren, die auf Nutzer*innen zukommen und die sie vielleicht sparen wollen. Ganz sicher ist aber ein Aspekt der Wunsch nach einem individuellen Ort. Nach einem Fluss oder einem Berg, der einem nahesteht oder nach dem persönlichen Garten, wo man seine Asche verteilt haben möchte. Meist ist es nicht das Bedürfnis der Angehörigen, sondern das der Verstorbenen selbst.

Können Sie das für sich persönlich nachvollziehen?
Wenn ich von mir spreche, dann sage ich, eine Handvoll von mir soll am Haselberg, einem Lieblingsort von mir, landen. Aber der größte Teil soll im Dorffriedhof bleiben, wo ich wohne. Das habe ich noch nicht bis ins Detail mit meiner Familie besprochen. Aber mein Umfeld weiß genau, wo mein Lieblingsort ist und ich stelle mir vor, dass es schwierig werden könnte, sich im Alter noch auf den Berg zu schleppen. Wenn Leute zu Lebzeiten regeln, wo sie beigesetzt werden wollen, dann ist das gesetzt. In Zürich kann ich meinen Wunsch hinterlegen lassen und im Falle des Todes wird das dann über das zivile Standesamt kundgegeben. Etwa 20.000 Vorsorgewünsche haben wir dort aktuell gespeichert.

Daraus kann man ja schließen, dass es da ein Bedürfnis nach Freiheit gibt.
Ja, schade ist immer, wenn die Leute nicht aufgeklärt sind. Was bleibt den Angehörigen noch, wenn sie das Haus verkaufen müssen, in dessen Garten ein Familienmitglied beigesetzt ist?

Sarg, Kremation und Grabplatz kosten in Zürich nichts. Das ist schon seit 1891 so. Trotzdem hat die Beisetzung auf Friedhof nachgelassen. Wie erklären Sie sich das?
Traditionen haben weniger Wert: Der Friedhof wird nicht mehr als einzige Variante der Beisetzung gesehen. Das hat viel mit Individualisierung zu tun und damit, niemandem zur Last fallen zu wollen. Wir stellen auch auf dem Friedhof selbst das Bedürfnis nach Individualisierung fest. Es gibt aktuell ein spannendes Projekt bei uns, bei dem man Urnennischen in einer Wand auf dem Friedhof nutzen kann. Dafür muss man sich registrieren, aber es kostet nichts. Und dort kann man jemandem gedenken, dessen Grab nicht mehr besteht oder der an einem anderen Ort auf der Welt beigesetzt wurde, also unabhängig vom Körper oder sterblichen Überresten kann ich an dem Ort ganz bewusst an meine Großmutter oder meinen Großvater denken, die dort namentlich erwähnt sind. Es gibt bereits um die 50 Personen, die sich einen Platz gebucht haben. Und das trägt dazu bei, den Friedhof weiter als Gedenkort zu pflegen. Und weil es den Projektstatus hat, braucht es nicht einmal die Änderung der Gebührensatzung oder eines Gesetzes.

Stefan Brunner ist Landschaftsgärtner mit Gärtnermeisterprüfung Garten- und Landschaftsbau. Aktuell arbeitet er als Produktverantwortlicher bei Grün Stadt Zürich, einer Abteilung der Stadtverwaltung Zürich, die den öffentlichen Grünraum in der Stadt Zürich pflegt, gestaltet und bewirtschaftet. Leitung der Arbeitsgruppe Friedhöfe – VSSG. Auf der Friedhofsverwalter*innentagung 2026 wird er zu dem Thema „Friedhöfe interessant werden lassen – Erfahrungen aus Friedhöfen in der Schweiz“ sprechen.

Text: Anna Lischper

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