Dagmar Kuhle über die Tagung transmortale und ihre Besonderheit
Interview: Anna Lischper
Dagmar, du begleitest die transmortale ja schon seit vielen Jahren. Welcher Beitrag ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Mich hat besonders ein filmwissenschaftlicher Beitrag zum Thema Tod im Film beeindruckt. Das hat vor allen Dingen damit zu tun, dass ich nicht die klassische Kinogängerin bin, demnach auch nicht so viele Filme kenne. Vor diesem Hintergrund fand ich es sehr spannend einen Beitrag zu hören, der dieses Thema vertieft hat und der verdeutlichte, dass das Sujet Sterben und Tod häufig in Filmen eingesetzt wird.
Die transmortale zeichnet ja der transdiziplinäre Austausch aus, also dass die Teilnehmer*innen auch über den eigenen fachlichen Tellerrand hinausschauen. Inwiefern ist das eine Bereicherung für die Beschäftigung mit den Themen Sterben, Tod und Trauer? Schärft das auch das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit?
Für das Bewusstsein in Bezug auf die Endlichkeit, vielleicht auch auf die eigene Endlichkeit, ist sicherlich der Gewinn, dass man sieht, dass dieses Thema in ganz vielen Disziplinen präsent ist.
Für die Forschenden kann das eine Bereicherung sein, Beiträge zum selben Thema, aber aus anderer fachlicher Perspektive zu hören. Aber ein Gewinn liegt auch noch auf einer anderen Ebene: Hier werden ja auch laufende Forschungen vorgestellt. Und da hier Menschen aus ganz anderen Disziplinen im Publikum sitzen, werden den Vortragenden auch Fragen gestellt, die grundlegend sind. Die eben jemand stellt, dem die Disziplin womöglich fremd ist. Das öffnet die Möglichkeit zur Reflektion des eigenen Forschungsvorhabens, ja es stellt das eigene Forschungsvorhaben nochmal sehr erfrischend in Frage.
Dann ermöglicht die transmortale auch wissenschaftlichen Austausch und Reflektion des eigenen Projekts?
Ja, genau. Oder einfach Anregungen, die eigene Sichtweise noch einmal zu überdenken. Oder sogar einen neuen Aspekt hinzuzunehmen.
Verstehen sich denn die Forschenden aus den unterschiedlichen Disziplinen?
Es wurde schon manchmal festgestellt, dass es Bedarf gab, begrifflich nachzuschärfen. Etwa, weil nicht alle Vokabeln in allen Bereichen die gleichen Sinnzuschreibungen haben.
Kommt es denn auch zu Schwierigkeiten der einzelnen Disziplinen untereinander?
Nein, das habe ich noch nicht erlebt. Vielmehr wird an uns als Organisationsteam gespiegelt, dass die Atmosphäre eine ganz offene und wohlwollende ist. Es ist keine Prüfungssituation, es ist eine, in der sich alle im Vorhinein im Klaren sind, dass sie hier eigentlich nur gewinnen können. Indem vielleicht doch Unklarheiten nachgefragt werden, oder selbst wenn es zu Punkten unterschiedliche Ansichten gibt, ist ein Motor. Da wird schon auch mal ordentlich diskutiert.
Das Team setzt sich ja aktuell zusammen aus Dr. Dirk Pörschmann (Kassel), Prof. Dr. Norbert Fischer (Hamburg), Dr. Simon Walter (Düsseldorf), Karla Alex (Heidelberg), Dr. Moritz Buchner, Stephan Hadraschek M.A. und Jan Möllers M.A. (alle Berlin) und dir. Gibt es da denn auch mal personelle Wechsel?
Zum Teil geht das Team auf die Ursprungsgruppe zurück, die die transmortale aus der Taufe gehoben hat, aber es gab natürlich auch Wechsel. Da versuchen wir dann schon zu organisieren, dass beruflich eine große Bandbreite bestehen bleibt und das Team immer wieder verjüngt, bei Wissenschaft geht es auch darum, am Prozess aktuell teilzuhaben. Weil es das Organisationsteam ist, das aus der Menge an Einreichungen die Auswahl trifft, braucht es darin Menschen, die sich mit Inhalten unterschiedlicher Fachrichtungen reflektiert auseinandersetzen.
Es gab ja dieses Jahr etwas über 40 Einreichungen. Worin liegt die größte Herausforderung bei der Auswahl der Beiträge?
Wir versuchen zum einen, eine möglichst große Vielfalt zusammenzustellen. Das heißt schon mal, dass, wenn aus einer Fachrichtung mehrere Einreichungen vorhanden sind, man sich dann für einen Beitrag entscheiden muss. Außerdem bemühen wir uns, dass sich die Beträge der einzelnen Panels aufeinander beziehen, um die Diskussion, um die es ja vor allem geht, anzukurbeln. Und dann liegt unser Fokus auch darauf, Beiträge auszuwählen, die eine neue Aufmerksamkeit abbilden. Die transmortale soll ja auch einen Einblick in neue Perspektiven der Sepulkralkultur geben.
Sind denn aus den Einreichungen bestimmte Trends der Beschäftigung mit den Themen herauszulesen?
Das Thema Pandemie hat sehr schnell zu einer Auseinandersetzung in der Forschungslandschaft geführt. Auch Individualisierung ist etwas, das in Beiträgen immer mal wieder eine große Rolle spielt. Und eine mit dieser Individualisierung zusammengehende Vielfalt, die sich ausprägt und erforscht wird. Und auch neue Entwicklungen wie Palliativmedizin, also die Versorgung am Lebensende, schlagen sich in der Forschungswelt nieder.
Jetzt bist du ja schon viele Jahre dabei und über die Zeit so etwas wie die Mutter der transmortale geworden, wenn man es so will. Ist sie eine Herzensangelegenheit für dich?
Als Mutter der transmortale sehe ich eher Anna Maria Götz, weil sie die transmortale damals aus der Taufe gehoben hat. Dass ich hier aber schon seit einigen Jahren die Ansprechpartnerin sein darf, macht mich glücklich, weil ich weiterhin vollkommen davon überzeugt bin, dass das Museum für Sepulkralkultur der richtige Ort für diese Tagung ist. Ich nehme immer wieder wahr, dass Gäste dabei sein wollen, um zu uns ins Haus zu kommen, um sich auch das Fotoarchiv und die Bibliothek zeigen zu lassen. Wir können den jungen Forschenden etwas bieten – mit Recherchematerial, aber auch mit fachlicher Expertise. Wenn man sich dann anschaut, was dabei an Beiträgen herauskommt und wie sich die jungen Menschen inspirieren lassen und mit uns teils langfristig in Kontakt bleiben, erfüllt mich das schon mit Freude.