Ein Porträt über Dr.-Ing. Martin Venne, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.
Ein siebenjähriger Junge geht zu der Ehefrau eines verstorbenen Spielzeughändlers und bittet um den Schlüssel zum Glockenturm, wo der Verstorbene aufgebahrt ist. Er geht zum Friedhof des Dorfes, öffnet die Tür und verabschiedet sich. Der kleine Junge ist Martin Venne. Seit mittlerweile 25 Jahren ist er Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, seit Mai ist er der Vorsitzende des Vorstands. Dem Friedhof verbunden ist der 57-Jährige allerdings bereits sein Leben lang.
Aufgewachsen in einer Totengräberfamilie waren der Tod von Menschen, aber vor allem der Umgang damit, Themen, in die er hineinwuchs. Seitdem er stehen konnte, hatte er alle Toten des Dorfes gesehen und begleitete regelmäßig seinen Vater, wenn dieser Blumen für die Trauerfeier in den Glockenturm der Kirche brachte. So war es ihm auch ein natürliches Vorgehen, sich von dem Menschen, der ihm immer die Matchbox-Autos verkaufte, zu verabschieden. Und sicherlich war es auch das Bedürfnis nach Vergewisserung, das den Siebenjährigen auf diese Idee gebracht hatte.
Der Tod, erzählt Martin Venne, war in seinem Heimatort Avenwedde, einem Stadtteil der ostwestfälischen Kreisstadt Gütersloh, öffentlich. Und er ist es noch heute. Als sein Vater vor einigen Monaten starb, verabschiedete er sich von ihm am offenen Sarg. Er ging mit seiner Familie den Weg von der Kirche bis zum Friedhof, den er schon als Messdiener zahllose Male gegangen war. Damals zog er die Begleitung von Beerdigungen der von Hochzeiten vor, weil man als Messdiener eher als Teil der Trauergemeinde gesehen wurde, bei den Hochzeitsgesellschaften war man außen vor. Auch nach der Beerdigung seines Vaters gab es eine Trauerfeier. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann sollte man dessen Leben feiern und die Gelegenheit nutzen, in Gemeinschaft zu sein. Diese Tradition ist Martin Venne wichtig.
Der Enkel des ersten Totengräbers für den kirchlichen Friedhof lernte später selbst im Gütersloher Unternehmen Lütkemeyer den Gärtnerberuf. Erfahrungen hatte er da schon: Brauchst du Geld, musst du tief stechen und weit werfen, hieß es stets. Später schloss er ein Studium der Landschaftsplanung in Kassel an und machte sich währenddessen in Kassel als Landschaftsarchitekt selbstständig. Sein Büro Planrat Venne besteht heute aus einem siebenköpfigen Team, das die Bereiche Friedhof, Denkmalpflege sowie Forschung und Entwicklung abdeckt. Damit trägt der Sohn eines traditionellen Berufs heute mit seinem Fachwissen dazu bei, Tradition zu erhalten und gleichzeitig zukunftsfähig zu machen. Neben der praktischen Arbeit in Friedhofs- und Freiraumprojekten erforscht er mit seinem „friedhofsverrückten“ Team Themenfelder rund um das Friedhofs- und Bestattungswesen – wozu auch die Erhebung friedhofsspezifischer Daten gehört. Teil des Teams ist auch seine Ehefrau Antonia Venne, die Mitglied im Kuratorium Immaterielles Erbe Friedhofskultur ist.
Viel Arbeiten funktioniert für Martin Venne nicht ohne Berufung, deshalb ist es ihm auch wichtig, dass seine Kinder frei entscheiden, welchen Beruf sie ansteuern. Zwei wohnen noch im Elternhaus, die älteste Tochter, 23 Jahre, lernte Vermessungstechnikerin und arbeitet nun auch „bei Vattern“, ein Sohn beginnt jetzt eine Ausbildung zum Schreiner. Martin Venne hat die Erfahrung gezeigt, dass es sinnvoll ist, nach dem Schulabschluss zunächst eine Ausbildung zu absolvieren. Eine Ausbildung ist etwas für das Leben. Es macht viel mit einem, wenn man schon etwas hat, was man kann. Und es sensibilisiert. Einem Bauleiter, der nach dem Abitur direkt studiert, fehlt oft das Feingefühl gegenüber den Gewerken. Stichwort: Wertschätzung.
Das ist auch einer der Aspekte, die aus seiner Sicht die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal so attraktiv machen. So wie die Friedhofsplanung ein Prozess ist, der nur im Team und unter Einbezug aller Beteiligten stattfinden kann, ist es eine Stärke des Vereins, dass hier Menschen aufeinandertreffen, die auf unterschiedliche Weise auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Auf den Weiterbestand des Friedhofs etwa.
Der Friedhof, das ist für Martin Venne ein Ort der Verbindung über den Tod hinaus, ein Ort der Zwiesprache, ein Raum für Trauer. Die Kirchen und die Kommunen müssen dafür sorgen, dass jeder Mensch seine Trauer leben und bewältigen kann. Sonst haben wir Menschen, die in ihrer Trauer krank werden. Doch die Aufgabe, jedem Menschen unabhängig von seinen finanziellen Verhältnissen einen Zugang zu Friedhof und Bestattung zu ermöglichen, sieht er auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zehn Schritte nach vorn, drei nach rechts, um den Beisetzungsort des anonym bestatteten Angehörigen zu finden, das ist aus seiner Sicht keine Lösung. Er hat schon Pfannkuchen auf Kindergräbern liegen sehen. Und warum soll es nicht zwei Jahre dauern dürfen, bis der für die Hinterbliebenen richtige Grabstein gesetzt ist. Menschen sollen tun, was in ihrer Trauer hilft. Hinführen zu diesem Bewusstsein betrachtet er als eine Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft, die zum großen Vorteil in der Mitte von Deutschland liegt. Sie soll informieren, kommunizieren und das wertfrei und produktneutral.
Als Vorsitzender wünscht sich Martin Venne, den Fokus auf die Profilbildung zu legen, im Zentralinstitut zunächst kleine Forschungsprojekte anzustoßen oder Wissenschaftler dabei mit der Expertise der Arbeitsgemeinschaft zu unterstützen und sich langfristig auch mit Stellungnahmen nach außen zu positionieren. Eine Drittmittelakquise bietet die Möglichkeit, weitere Stellen zu schaffen und die Bedeutung der Arbeitsgemeinschaft zu stärken. Man kann vieles ehrenamtlich machen, aber eben nicht alles, sagt Venne. Das Museum für Sepulkralkultur eröffnet dabei die Möglichkeit, Wissen über Objekte zu vermitteln. Dass das Haus baulich wie inhaltlich vor der Neukonzeption steht, ist eine Herausforderung. Aber auch eine Riesenchance. Die gilt es in Etappen zu denken – eine Strategie, die es in vielen Bereichen des Lebens braucht. Geduld und Humor sind die beiden Kamele, die durch jede Wüste tragen, steht auf der Website seines Planungsbüros. Beides spielt im (Berufs-)Alltag von Martin Venne eine Rolle. Erfolgserlebnisse sind für ihn wichtig, genauso wie die Geduld zu haben, bis diese eintreffen. Und für den Weg zum Ziel braucht es manchmal eine gute Portion Humor, ist Venne sicher.
Kontakt: Dr.-Ing. Martin Venne; Mail: info@planrat-venne.de
Anna Lischper
Martin Venne ist der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.