Herbstforum der APPH im Museum für Sepulkralkultur
Besondere Situationen erfordern besondere Kommunikation. Doch manchmal stehen selbst Menschen, die sich professionell mit dem Sterben und dem Tod befassen, vor dem Problem, dass ihnen die Worte fehlen. „Sprachlos am Lebensende“ lautete der Titel des Herbstforums, das die Veranstaltungsreihe zum Thema Kommunikation im 20. Jubiläumsjahr des APPH abschloss. Rund 90 Personen waren dabei, als verschiedene Aspekte zur Kommunikation am Lebensende beleuchtet wurden.
Gibt es Unterschiede je nach Herkunft und kulturellen Gegebenheiten? Wie werden ethische Fragestellungen über Tod und Sterben formuliert? Und wie findet man die richtigen Worte am Lebensende bei dementiell erkrankten Menschen? „Sprachlos sein ist auch hilflos sein. Das passt nicht zu unserem professionellen Anspruch, sterbende und kranke Menschen zu begleiten“ – mit diesen Worten begrüßte Silke Lauterbach, Vorsitzende der Akademie für Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit Nordhessen (APPH Nordhessen e. V.) die rund 90 Besucher*innen im Museum. Lauterbach ist Fachapothekerin für Klinische Pharmazie und Beisitzerin im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V.
„Sterbende Menschen zu begleiten, mit ihnen zu sprechen ist etwas anderes, als das, was ich täglich tue: es ist nicht einfach nur Reden im beruflichen Alltag“, sagte Andreas Siebert, Landrat des Landkreises Kassel, in seinem Grußwort. Am Lebensende brauche es eine andere Form der Kommunikation. Worte seien dabei oftmals genauso wichtig wie Berührung – eine Erfahrung, die er selbst bei der Begleitung seines Schwiegervaters bis dessen Tod miterlebt habe. Auch Regine Bresler, Leiterin des Gesundheitsamts Region Kassel, merkte an: „Wenn die eigene Mutter an Krebs erkrankt, hilft alle Professionalität nicht.“ Da falle es oft schwer, die richtigen Worte zu finden. Daher gelte es, denen zu danken, die dabei helfen, Sterbende, aber auch deren Angehörige zu begleiten. Die Hilflosigkeit am Ende des eigenen Lebens oder auch am Ende des Lebens eines anderen, gilt es zu sehen.
Dr. Dirk Pörschmann, Direktor des Museums für Sepulkralkultur und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. war eingeladen, einen Vortrag zu „Verstehe ich Dich richtig?? Kommunikation über Tod und Sterben“ zu halten. Es gebe eine Sprachlosigkeit am Ende des Lebens, aber das bedeute nicht, dass es keine Sprache gebe. Mulugeta Ayenes Fotografie etwa zeige nonverbale Kommunikation: An der Absturzstelle des Ethiopian Airlines-Fluges ET302 südlich von Addis Abeba, Äthiopien zeigt das Bild eine Frau, vermutlich eine Angehörige von einem der Opfer, die sich Erde ins Gesicht wirft – auch das sei Sprache. Man könne nicht nicht kommunizieren, verwies Pörschmann auf den Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick. Und ein Großteil der Kommunikation finde nonverbal statt. Kommunikation könne man lernen; Kinder dabei zu begleiten, einen Ausdruck zu finden, das sei unsere Aufgabe. Und: Kommunikation finde nicht nur mit anderen statt, sondern auch in einem. Damit innere Vorgänge der gelungenen Kommunikation mit anderen nicht im Wege stehen, müssen innere Sätze ausgesprochen werden. So könne es auch nicht zum Miss-Verstehen kommen. Als Beispiel zeigte Pörschmann einen Videoclip, in dem Ernie von der Sesamstraße wegen ebendieser inneren Vorgänge nicht seinem ursprünglichen Bedürfnis, den Nachbarn nach einem Staubsauger zu fragen, folgt, sondern zur Eskalation einer Kommunikationssituation beiträgt.
Für das Sprechen über den Tod und das Sterben gebe es auch im Bereich Kinderbuch zahlreiche Beispiele. Die Relevanz, im Gespräch zu bleiben etwa, oder auch die Idee, individuelle Bilder zu finden, um den Tod greifbarer zu machen, werde in Kinderbüchern aufgegriffen. Im Austausch sein, Erinnerungen austauschen, und auch mit den Toten im Gespräch bleiben, all das sei wichtig. Es gehe darum, die die gehen müssen, zu hören und zu begleiten, aber es gehe auch darum, die eigenen Wünsche als begleitende Person zu sehen.
Dr. Sabine Leutiger-Vogel, ehemals Ärztin im Ev. Krankenhaus Gesundbrunnen, nahm sich in „Demenz verstehen – Kommunikation über Tod und Sterben mit dementiell Erkrankten“ der Besonderheiten in der Kommunikation mit dementiell Erkrankten an – auch am Lebensende. „Wenn es medizinisch nichts mehr zu tun gibt, gibt es besonders viel zu tun”, zitierte sie Dame Cicely Saunders. Was habe ich für ein Menschenbild? Wie blicke ich auf jemanden, der sich in die Hose pinkelt? Die eigenen Signale, die man aussendet, zu beobachten, sei ein wesentlicher Aspekt für gelungene Kommunikation. Auch: authentisch bleiben. „Was ich sage, muss zu mir passen.“ Und um auf jemanden angemessen eingehen zu können, helfe es, die jeweilige Biografie zu kennen.
Diesen ihren Ausführungen ging ein Exkurs in das menschliche Gehirn voraus. Sie erklärte die Verknüpfung von Nervenzellen, die genetisch bedingt ist und durch unser ureigenes persönliches Leben. Die Stimme der Mutter, der Geschmack von Apfelkuchen, Musik, all das sei gespeichert. Die Verknüpfungen nehmen im Laufe des Lebens zu – und je nach Form der Demenz rapide ab. So sei Kommunikation am Lebensende insbesondere für dementiell Erkrankte wichtig und entscheidend.
Der Vortrag „Kommunikation und Ethik – die richtigen Worte finden bei ethischen Entscheidungen“ mit Prof. Dr. Alfred Simon musste ausfallen. Den Raum nutzte Dr. med. Markus Schimmelpfennig, ehemals Krankenhaushygieniker am Marienkrankenhaus Kassel. Er widmete sich dem Thema als Moderator mit viel Feingefühl und suchte mit den Referenten, wie später auch mit dem Publikum das Gespräch.
Anna Lischper