Am 29. Juni 2023 wurde er eröffnet: Der Campus Vivorum in Süßen, Baden-Württemberg. Ein Experimentierfeld, ein Ideengeber für den „Friedhof der Zukunft“, gemacht für die Lebenden. Mit ihm zeigt die Initiative Raum für Trauer, dessen ideeller Träger die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal e.V. ist, beispielhaft, wie Trauernden geholfen werden kann. Entstanden ist der Park neben dem Gelände der Kunstgießerei Strassacker.
Wie blickt Günter Czasny, Sprecher der Initiative Raum für Trauer, Projektverantwortlicher des Campus Vivorum und stellv. Geschäftsführer der Kunstgießerei auf die vergangenen Wochen zurück? Wir haben nachgefragt.
Herr Czasny, was war Ihr bislang schönstes Erlebnis seit der Eröffnung des Campus Vivorum?
Ich hatte schon so viele interessante Begegnungen auf dem Gelände. Die berührendsten Momente hatte ich allerdings mit Privatbesucher*innen – dabei haben wir den Park noch gar nicht für Laufpublikum geöffnet und zum Beispiel auch noch gar keine Öffnungszeiten kundgegeben. Viele kommen einfach vorbei und fragen nach, ob sie mal durchlaufen können. Das ermöglichen wir dann gern. Einmal hatte ich eine Begegnung, die mir sehr eindrücklich in Erinnerung geblieben ist. Ein älteres Ehepaar, das über das Gelände lief, erzählte, sie hätten sich noch nicht mit den „letzten Dingen“ beschäftigt, und waren in vielen Dingen unsicher. Während ihres Spaziergangs über den Campus sei ein wunderbares Gespräch voller Leichtigkeit entstanden. Es hatte keine Schwere, über Tod und Sterben zu sprechen. Sie sagten mir: „Als wir uns diese vielen und auch einfachen Möglichkeiten der Umsetzung angesehen haben, hat es bei uns klick gemacht: manche Dinge kann man ja ganz anders machen, als wir dachten.“ Dem Ehepaar eröffneten sich neue Möglichkeiten. Und am Ende ihres Besuchs bei uns stellte sich heraus, dass sich die beiden schon mit der Beisetzung im Friedwald angefreundet hatten. Reaktionen wie diese hatten wir schon einige.
Dann haben Sie schon ein Ziel erreicht?
Uns haben neben Privatbesucher*innen zahlreiche Ehrenamtliche und Professionelle, kommunale Vertreter, Bürgermeister und Verwaltungschefs besucht. Wir hatten eine positive Medienresonanz, die anhält. Journalisten fühlen sich angespornt, anzuknüpfen an die Inhalte und Zielsetzung der Initiative Raum für Trauer und den Campus Vivorum, und die Themen aufzugreifen, die wir damit angestoßen haben. Wir erkennen schon jetzt, dass wir eine Tür zum Dialog geöffnet haben. Doch es gibt noch so viele weitere Türen, die geöffnet werden müssen, so viele Bausteine, um das Gespräch über den „Friedhof der Zukunft“ am Laufen zu halten. Das ist das Ziel der Initiative und des Campus Vivorum: der Friedhof soll in den öffentlichen und kommunalen Fokus gestellt werden. Es muss gefragt werden, ob wir einen Friedhof brauchen und wenn ja, was er anbieten muss, damit sich Trauernde mit ihren Bedürfnissen aufgehoben fühlen. Wenn die Bedeutung und die Wirkung eines Friedhofs den Menschen bekannt ist und verstanden wird, dann findet der Friedhof Akzeptanz und Wertschätzung. Die Botschaft, dass die örtlichen Friedhöfe hierfür enormes Entwicklungspotenzial besitzen und mit überschaubaren Maßnahmen zu verändern sind, wurde nach unserer aktuellen Einschätzung von den Teilnehmern verstanden.
Wie geht es jetzt weiter?
Wir haben den Campus Vivorum zwar Ende Juni eröffnet, aber es ist und bleibt ein work in progress. Zum Glück hat bislang alles funktioniert, was angelegt wurde. Das Ziel war ja, den Pflegeaufwand klein zu halten und auf klimaangepasste Bepflanzung und Begrünung zu setzen. Der Regen der vergangenen Wochen hat uns ein großes Wachstum beschert. Was den Besucher*innenzuspruch angeht, haben wir für die kommende Zeit etwa 40 Buchungen für Führungen und Veranstaltungen vorliegen, etwa von Verwaltungen, Gemeinderäten, Betrieben und Hospiz-Gruppen. Im April 2024 wollen wir mit dem Programm im Glashaus starten, um auch Fortbildungen und Tagungen abhalten zu können. Auch hier haben wir schon Buchungen.
Was ist Ihr persönlicher Wunsch?
Ich wünsche mir, dass sich diese gemeinschaftliche Bewegung, die sich in Gang gesetzt hat, weiter fortführt. Der Campus Vivorum bietet die Grundlage für ein miteinander ins Gespräch kommen. Es geht beim Friedhof der Zukunft auch um die Fürsorgeverantwortung der Kommunen und Kirchen, um das Füreinanderdasein, das Sichtbarmachen von Zusammenhalt. Ich sehe das Projekt auch als Versuch einer Antwort auf eine fragile Zeit, in der das Bedürfnis der Menschen nach einem fürsorglichen Miteinander umso größer geworden ist. Ich wünsche mir, dass wir im Laufe der Zeit auf den Friedhöfen viele erfolgreiche Leuchtturmprojekte erleben können.
Anna Lischper