Tanzstück „Five Stages of Grief“ von Constantin Hochkeppel thematisiert Trauerphasen
Leugnung – Wut – Verhandlung – Depression – Akzeptanz. Trauer (engl. grief) löst eine Welle an Emotionen aus. Mit den fünf Phasen (engl. stages) der Trauer beschäftigt sich am Stadttheater Gießen das Tanzstück „Five Stages of Grief“. Der Abend lädt an unterschiedlichen Orten des Hauses dazu ein, sich mit verschiedenen Zuständen und Aspekten von Trauer auseinanderzusetzen. Wir sprachen mit dem Regisseur und künstlerischen Leiter der Sparte Tanz, Constantin Hochkeppel.
Was hat Sie auf die Idee gebracht, ein Tanzstück zu den Trauerphasen zu konzipieren?
Meine Inspiration war ein Trauerfall in meiner Familie vor zweieinhalb Jahren. Nach dem ersten Schock und der langen Zeit von tiefer Traurigkeit fiel mir auf, wie sich meine Trauer verändert. Das fand ich spannend als Aufhänger.
Wie haben Sie sich und die Tänzer*innen auf das Thema vorbereitet?
Zum Einstieg in das Thema haben wir Gespräche geführt mit Menschen, die nah dran sind am Thema Tod und Trauer. Mit, Trauer- und Sterbebegleiter*innen des Hospizvereins Gießen und einem Psychiater der Uniklinik Gießen. Darauf basierend bin ich gemeinsam mit Team und Ensemble in die Recherche an uns selbst eingestiegen.
Was haben Sie daraus mitgenommen?
Die Gespräche mit den Trauer-Expert*innen nahmen dem Thema die Schwere. Es ging immer wieder darum, dass Trauer nicht nur die Depression ist, sondern dass wir im Prozess auch andere Gefühle durchleben. Im gesellschaftlichen Bild von Trauer kommt der eigentliche Prozess zu kurz. Trauernde dürfen auch fröhlich sein. Unsere Gesprächspartner*innen sagten allesamt, dass Trauern auch etwas Lustvolles hat. Dem Psychiater war es sehr wichtig, zu betonen, dass es im Trauerprozess auch darum geht, sich um sich selbst zu kümmern. Und die Gespräche mit den Hospizmitarbeiterinnen brachten den Aspekt hervor, dass man sein ganzes Leben lang immer wieder in trauerartigem Zustand sein kann. Etwa, wenn man den geschützten Rahmen des Elternhauses verlässt oder wenn die Schulzeit endet.
Was blieb bei Ihnen persönlich am stärksten hängen?
Trauer verändert einen Menschen. Es ist ein traumatisches Erlebnis, einen geliebten Menschen zu verlieren. Zum einen, weil jemand plötzlich nicht mehr da ist. Aber auch die Frage der eigenen Endlichkeit wird virulent und die Angst und Einsicht, dass noch mehr Menschen sterben werden, weitere Trauerprozesse durchlebt werden müssen.
Wie haben Sie die Phasen künstlerisch umgesetzt?
Wir haben das Bild eines Hauses der Trauer gefunden, hinter dessen Türen sich die Gefühle verbergen. Der Abend ist besteht nicht nur aus Tanz, vielmehr ist ein physical theatre-Stück entstanden – mit theatralen Elementen, wie Figuren, Texten, Szenen und natürlich viel Bewegung. Der erste Teil des Stücks beginnt vor dem Stadttheater und im Foyer. Mitglieder aus dem Opernchor und dem Philharmonischen Orchester sind involviert. Schwarz gekleidete Menschen gehen in sich gekehrt durch das Haus, an einer Stelle performen Tänzer*innen, wieder woanders spielt einer auf dem Cello. Das Publikum bewegt sich während der ersten halben Stunde frei durch das Haus und kann so einen höchst individuellen ersten Teil erleben. Allerdings sind die einzelnen performativen Interventionen nicht nach den Trauerphasen sortiert. Vielmehr haben wir uns von den unterschiedlichen Gefühlen, die dem Trauerprozess zugeordnet werden, inspirieren lassen.
Die Stationen sind also nicht direkt den Phasen Leugnung, Wut, Verhandlung, Depression und Akzeptanz zugeordnet?
Nein, die Tänzer*innen sind innerhalb der szenischen Elemente relativ frei. Sie haben vorab für sich erforscht: Was macht dieses oder jenes Gefühl mit meinem Körper. Bei den Proben haben wir uns intensiv mit den Gefühlen befasst und herausgefunden, dass sie sehr unterschiedliche körperliche Reaktionen auslösen. Bei manchen Tänzer*innen sah man autoaggressive Reaktionen, andere waren wie gelähmt. Das zeigt: Trauer ist extrem subjektiv. Auch nach der Phase der Verhandlung kann man leugnen. Schließlich lassen sich die Tänzer*innen auf den Kontakt mit dem Publikum ein. Der Kontakt ist jedes Mal anders und sie reagieren auch auf die Menschen.
Zum Beispiel?
Es kommt immer wieder dazu, dass sich Menschen zu den Tänzer*innen setzten und ihre eigenen Erfahrungen mit Trauer erzählen. Das ist dann schon etwas Besonderes, weil offenbar ein Raum geschaffen wurde, sich spontan vor fremden Menschen zu öffnen.
Woraus besteht der zweite Teil?
Der findet auf der Bühne statt. Es ist ein durchchoreografiertes 60-Minuten-Stück mit Tanzensemble, Philharmonischem Orchester und Mitgliedern des Chors. Hier erlebt das Publikum Szenen mit intensiven Gefühlsausbrüchen und dynamischem Gruppenverhalten. Wo der erste Teil des Abends eine individuelle Erfahrung war, durchlebt das Publikum den zweiten Teil im Kollektiv. Wo der erste Teil realistisch ist, sich vielleicht auch mehr mit der Außenwahrnehmung beschäftigt, ist der zweite Teil abstrakter und geht nach innen: der Chor ist der Außenblick, der mit den Trauernden nicht umzugehen vermag, die Trauernden durchleben Erinnerungen, Leugnung, Verarbeitung und müssen schließlich akzeptieren, dass die Trauer zum Leben dazugehört. Das alles passiert zu zeitgenössischer Musik von Anna Thorvaldsdottir, Arvo Pärt, Anna Clyne und Ēriks Ešenvalds – vom Orchester live interpretiert.
„Five Stages of Grief“ wurde jetzt schon einige Male aufgeführt. Wie waren so die Reaktionen aus dem Publikum?
Sehr gemischt. Ich habe oft gehört, dass Zuschauer*innen berührt wurden. Viele sind aber auch irritiert über den ersten Teil und hatten Angst, etwas zu verpassen, dabei gibt es da gar nichts zu verpassen, sondern nur zu erleben. Für mich ist Theater eben nicht: Ich gehe rein, setze mich und dann gehe ich wieder nach Hause. Dazu eignet sich das Thema Trauer umso mehr. Das ist eben nicht so, dass man schnell alles durchlebt und damit ist der Prozess abgeschlossen. Trauer ist ein Prozess, der einen das ganze Leben lang begleiten kann.
Die nächsten Termine von „Five Stages of Grief“ sind: Fr. 09.06.und Fr 23.06., 19.30 Uhr sowie So 02.07.2023, 18 Uhr. Nach den ersten beiden Vorstellungen gibt es ein Nachgespräch im Foyer. Karten gibt es im Haus der Karten, Kreuzplatz 6, 35390 Gießen, unter Tel.: 0641-7957 60/61 und theaterkasse@stadttheater-giessen.de
Anna Lischper