Studierendenwettbewerb 2019/ 2020
© Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur - TH OWL

Die Preisträger*innen des Wettbewerbs

„Ideen für den Friedhof der Zukunft“ sind gekürt

Der Nachwuchswettbewerb „Raum für Trauer – Ideen für den Friedhof der Zukunft“ ist entschieden. Die Jury vergab zwei erste Plätze an Samuel Schubert (Bauhaus Universität Weimar) sowie an Ricarda Leandra Bock und Emily Kern (HafenCity Universität Hamburg). Ein dritter Preis ging an Anna Kopácsi (Bauhaus Universität Weimar). Insgesamt waren 45 Arbeiten eingereicht worden.

Friedhöfe müssen in vielerlei Hinsicht neu gedacht werden. Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer bilden die Grundlage für neue Orte und Räume und ihre räumlich-architektonische Rahmung. Deshalb fragte der Wettbewerb „Raum für Trauer“ nach dem Friedhof der Zukunft. Wie könnte ein Friedhof aussehen, der den Bedürfnissen von Trauernden besser gerecht werden kann und die grundlegenden psychologischen Funktionen eines Beisetzungsortes berücksichtigt? Was könnte ein solcher Friedhof leisten – nicht gedacht als Ort der Toten, sondern als Raum für die Lebenden? Welche Gestaltung und welche Angebote könnten dazu beitragen, der Trauer wieder einen aktiven Ort in der Gesellschaft zu geben und damit den Tod zu enttabuisieren?

Ziel des Wettbewerbs war es, Vorschläge für die Konzeption und Gestaltung von räumlichen Situationen auf dem Friedhof Ohlsdorf zu erarbeiten, die individuelle oder gemeinschaftliche Rituale und Handlungen des öffentlichen, aber auch persönlichen Abschiednehmens ermöglichen können. In diesem Sinne suchte der Wettbewerb nach innovativen, experimentellen und gewagten Konzepten für den Friedhof der Zukunft.

Die Teilnehmer*innen sollten Situationen innerhalb einer übergeordneten Struktur entwerfen, die verschiedenartig gestaltet, wahrgenommen und gehandhabt werden können. Diese Orte, bzw. räumlichen Situationen sollten Trauerhandlungen unterschiedlicher Individuen sowie gesellschaftlicher Gruppen ermöglichen. Die sozialräumliche Struktur sollte sich aus privaten, gemeinschaftlichen und öffentlichen Bereichen zusammensetzen. Ein Aufenthalt am Beisetzungsort sollte zudem für die Menschen eine heilsame und positive Wirkung haben. Von den Teilnehmer*innen des Wettbewerbs wurden Beiträge erwartet, die folgende Ebenen fokussiert oder integrativ behandeln:

  • den Beisetzungsort als Raum für individuelle Trauer und persönliche Trauerhandlungen,
  • die räumliche Struktur des Friedhofs inklusive der Öffentlichkeitsgrade seiner Teilräume,
  • eine zeitgemäße Programmatik,
  • eine zeitgenössische Ästhetik und ansprechende Atmosphären,
  • Möglichkeiten einer künftigen Governance von Friedhöfen und/ oder von gemeinschaftlichen Teilräumen auf Friedhöfen.

Dies sei in besonderem Maße den drei Preisträgerarbeiten gelungen, so die Jury.

Zugleich fiel bei den 45 Einreichungen auf, dass weniger die Konzeption vom konkreten Beisetzungsort und dessen Bedeutung für eine gelingende Trauerarbeit im Zentrum stand, sondern sich die Studierenden verstärkt mit den allgemeinen und öffentlichen Flächen des Friedhofs auseinandersetzten. Wie wenig hierbei das Wissen um die Bedeutung der Trauer für die Funktionalität und Bedeutung des Friedhofs Eingang in die Entwürfe gefunden hat, entspricht dem wenig ausgeprägten gesamtgesellschaftlichen Bewusstsein, dass die Grabstätte und die aktiven Handlungen an dieser für die Angehörigen eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung einer existenziellen Verlusterfahrung spielen. Das Wissen um die Bedeutung der psychodynamischen Abläufe im Kontext von individueller Trauerarbeit sollte noch stärker an den Hochschulen vermittelt werden, damit diese in die planerischen Überlegungen für Friedhöfe als Metastrukturen und Beisetzungsorte als Mikrostrukturen einfließen können. Jeder Bürgerin und jedem Bürger ist klar, was die Funktionen von Schulen, Krankenhäusern oder Hospiz-Einrichtungen sind, doch in Bezug auf die individuellen und gesellschaftlich relevanten Funktionen des Friedhofs herrscht in weiten Teilen ein Unwissen vor. Es bleibt die zentrale Aufgabe aller am Friedhofwesen beteiligten Verbände, Vereine und Gewerke dies in aller Klarheit gegenüber der Öffentlichkeit zu kommunizieren.

Die Jurysitzung fand digital statt.

Die Preisrichter*innen waren:

Dr. Marie-Luise Birkholz

Bart Brands

Günter Czasny

Willy Hafner

Marc Templin

Prof. Dr. Constanze Petrow

Matthäus Vogel

Prof. Dr. rer. Nat. Tanja C. Vollmer

Dr. Dirk Pörschmann

Gisela Zimmermann

Preisgeld:

1. Platz jeweils 2.500,- Euro, 3. Platz 1.000,- Euro

Auslober:

Technische Hochschule Ostwestfalen-Lippe (TH OWL) mit Unterstützung von Kunstgießerei Strassacker, Museum für Sepulkralkultur Kassel, Hochschule Geisenheim University

Zu den einzelnen ausgezeichneten Entwürfen gab das Preisgericht folgende Begründungen ab:

 

1. Preis

717 / Samuel Schubert / Bauhaus Universität Weimar

Samuel Schubert: Will mit den üblichen Trauerbewältigungskonventionen maßvoll brechen. Eine Abschottung mit Himmelsbezug schafft Besinnung und Ruhe, um der Verstorbenen zu gedenken.

„Eine andere Art der Grabesgestaltung zeigt dieses parallel zum Bestand entwickelte Konzept auf. Ein übergeordnetes Raster mit 717 Eichen ermöglicht dem Nutzer, an jedem Rasterpunkt tätig zu werden und seine Trauer individuell auszuleben. Der hohe partizipative und kollektive Charakter bietet einen geregelten Rahmen für jegliche Art von Individualinterventionen und führt über die Jahre zu einer sukzessiven Verwandlung des Friedhofs. Eine detailliertere, entwurfliche Ausarbeitung wäre wünschenswert, trotzdem ist das Konzept zukunftsweisend und umsetzbar.“

 

1. Preis

Weg für die Lebenden / Ricarda Leandra Bock und Emily Kern / HafenCity Universität Hamburg

Ricarda Leandra Bock und Emily Kern: Das Konzept „Weg für die Lebenden“ knüpft an aktuelle Strukturen an und bietet Hinterbliebenen einen naturnahen und wohltuenden Raum für Trauer, Erinnerung sowie Erholung.

„Ein hölzerner Hochweg entlang der Perlenteiche des Bramfelder Sees bietet neun partizipative Trauerräume für individuelle und gemeinschaftliche Rituale. Interaktive, offene Angebote fordern die Trauernden dazu heraus, den Raum individuell und persönlich zu gestalten, ohne einen bestimmten Trauerprozess vorzugeben. Der Pfad ist eine geometrische Besonderheit in dem sonst organischen Raum und zieht sich wie eine rote Linie durch den Friedhof. Er symbolisiert den Weg der Trauer, welcher den Freiraum zur eigenen Reflektion bietet. Allerdings gestaltet sich der Hochweg besonders für ältere Menschen oder Menschen mit Höhenangst schwierig. In der Realität ist das Konzept leicht und flexibel umsetzbar.“

 

3. Preis

Ritueller Weg der Trauer / Anna Kopácsi / Bauhaus Universität Weimar

Anna Kopácsi: Der Rituelle Weg der Trauer soll helfen, unter der Vielfalt der spirituellen Handlungen des persönlichen Abschiednehmens die individuell passende zu finden. Die Gebäude entlang des Weges bieten Orte, wo gemeinschaftliche und individuelle Rituale stattfinden können.

„Acht begehbare Pavillons zur Trauerbewältigung werden entlang der linearen Achse des historischen Linne-Teils wie monolithische Skulpturen in der Landschaft verteilt. Durch das Aushöhlen des massiven Volumens werden individuelle und gemeinschaftliche Angebote für neue Rituale geschaffen. Die Arbeit setzt sich landschaftlich mit dem gesamten Friedhof auseinander, und ist ein ikonographisch gut umgesetztes Trauer-konzept. Positiv sind die unterschiedlichen architektonischen Atmosphären der jeweiligen Kuben, welche sich durch unterschiedliche Proportionen, inszenierte Ausblicke und Materialität definieren. Allerdings gibt die vorgegeben Nutzung der Kuben wenig Spiel-raum für Trauer. Auch mögliche Schwellenängste der Nutzer erschweren die gewollte Anwendung der Räume: Der Besucher ist zum Eintreten gezwungen, um sich verändern zu lassen.“

 

Einige Eindrücke der Einreichungen

Alle Beiträge finden Sie als PDF-Download unter "Teilnehmer*innen"

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